Im INSIDE 1102 startete die in loser Folge erscheinende Serie "Digitalisierung in der Möbelbranche". Im fünften Teil der Serie beschreibt Gastautor Pierre Haarfeld über neue Formen des Kundenzugangs – und warum sie wichtig für den Handel sind.
Pierre Haarfeld ist Gründer und CEO von nuucon.de. Die Einkaufsplattform für Interior-Design-Projekte ist. Pierre Haarfeld über neue Formen des Kundenzugangs – und warum sie wichtig für den Handel sind. Zuvor hatte Haarfeld 2017 gemeinsam mit Philipp Renerig, die Hamburger Digital Apartment GmbH gegründet. Deren Beratungsgeschäft wurde an Etribes verkauft (INSIDE 1105).
Die relevanten Kriterien für die Digitalstrategie
Wird nach Corona wieder alles gut? Werden die Kunden wieder Schlange im Fachhandel stehen? Über neue Formen der Kundenansprache, des Kundenzugangs und des notwendigen unternehmerischen Muts in Krisenzeiten. Eine Analyse, die wehtut.
Von Pierre Haarfeld
“If we can keep our competitors focused on us while we stay focused on the customer, ultimately we‘ll turn out all right.” Dieses Zitat des Amazon-Gründers Jeff Bezos passt sehr gut in die aktuelle Zeit. Es wird viel zu viel nur auf Amazon geschaut. Auch außerhalb des eigentlichen Ökosystems von Amazon passiert gerade einiges und verändert die Handelswelt.
Hier ist es zum einen empfehlenswert, sich die Trends und Bewegungen genau anzuschauen und für das eigene Unternehmen zu prüfen. Zum anderen sollten Unternehmen weniger Zeit in die vermeintliche Wettbewerbsunterdrückung stecken. Im E-Commerce sind die Erfolgsfaktoren Geschwindigkeit und Kundenzugang. Beides erreicht man nur, wenn man als Unternehmer lernt zu adaptieren und seine Kunden dabei im Fokus zu behalten. Grabenkämpfe mögen in der etablierten Wirtschaftswelt funktionieren. Im E-Commerce kosten sie nur zu viel Zeit, bringen keinen Kundennutzen und verschlechtern letztendlich sogar die eigene Wettbewerbsposition.
Wenn es um Geschwindigkeit und Wachstum geht, wird trotzdem gerne in Richtung des Riesen aus Seattle geschaut. Die weltweiten Zahlen des E-Commerce-Giganten sind sicherlich auch mehr als beachtlich. 2020 konnte Amazon den Außenumsatz um über 500 Mio Dollar steigern. Jeden Tag! Zur Einordnung: Im Marktplatzgeschäft ist Amazon 2020 stärker gewachsen, als Ebay insgesamt Gesamtumsatz erzielen konnte. Dabei ist nicht zu vergessen, dass das Marktplatzgeschäft nur 20 Prozent der Netto-Erlöse von Amazon ausmacht. Und in genau diesem Bereich findet gerade eine spannende Bewegung statt. Alleine in Deutschland sind rund 100.000 neue Marktplatz-Accounts in den letzten drei Jahren hinzugekommen. Die Flut an neuen Anbietern macht das Geschäft für kleinere Marktplatzhändler immer schwieriger.
Die Professionalisierung hat stark zugenommen und die Vielzahl an Anforderungen ist für kleinere Player kaum noch zu erfüllen. Diesen Umstand macht sich nun eine ganz neue Generation von M&A-Boutiquen zunutze. Das US-Start-up Thrasio ist eines der ersten Unternehmen gewesen, welches systematisch kleine, aber erfolgreiche Amazon-Accounts übernommen hat. In Summe hat Thrasio seit 2018 mehr als 50 Amazon-Accounts akquiriert. Ziel ist die Professionalisierung der vorhandenen Accounts und die Nutzung von Synergieeffekten innerhalb des Thrasio-Portfolios. Der Außenumsatz von Thrasio liegt drei Jahre nach Gründung bereits bei über 200 Mio Dollar. Die EBITDA-Quote bei beachtlichen 17,5 Prozent.
Genauso interessant dürfte sein, dass Thrasio sich über diesen Weg vorhandene Lieferantenbeziehungen einkauft und einen enormen Geschwindigkeitsvorteil für neue Markteintritte haben dürfte. Dass eine solche Konsolidierungsstrategie auch für den deutschen Markt interessant ist, dürfte auf der Hand liegen. Umso weniger verwundert es, dass auch hierzulande bereits Copycats von Thrasio entstanden sind. Brands United und die Razor Group sind nur zwei der ambitionierten Zukäufer, die gerade nach attraktiven Seller-Accounts Ausschau halten. Spannend könnte es werden, wenn einer der nationalen oder globalen Player anfängt, den Fokus auf einzelne Kategorien zu legen und somit die Anforderungen innerhalb einer Amazon-Kategorie stark anhebt.
Auch außerhalb des Amazon-Ökosystems dreht sich weiterhin alles um den bestmöglichen Kundenzugang. Die Gewinner der Corona-Krise wissen das für sich zu nutzen und haben sich vorgenommen, die Hürden für den Kundenkontakt so niedrig wie möglich zu halten. In diesem Zusammenhang konnte vor allem das Unternehmen Charles in den letzten Monaten auf sich aufmerksam machen. Die Technologie des Berliner Unternehmens ermöglicht es, den kompletten Einkaufsprozess via Whatsapp zu tätigen. Während eine Vielzahl von Marken und Händlern schon länger die Kundenkommunikation mittels Whatsapp ermöglicht, geht die Lösung von Charles noch ein paar Schritte weiter. Neben der Beratung via Whatsapp kann auch der eigentliche Produktkauf inklusive Zahlungsvorgang und Logistikinformationen durchgeführt werden. Der Kunde muss den Kanal Whatsapp für den gesamten Kaufprozess nicht verlassen. E-Commerce-Shops haben dabei die komplette Abwicklung direkt in ihren Prozessen abgebildet. Dies wird auch als Conversational Commerce bezeichnet. Den Ursprung hat das Ganze wie so oft in der Fashion-Industry. Und Conversational Commerce ist auch schon in unserer Branche im Einsatz. Die Möbelmarke Woodboom nutzt intensiv Whatsapp für den Verkauf beratungsintensiver Produkte und hat es somit nach eigenen Angaben geschafft, 80 Prozent der Beratungsgespräche zu einem Kauf zu konvertieren.
Egal, welcher Kundenzugang auch genutzt wird: Die letzten Monate haben nochmals deutlich gezeigt, dass Marken im Vorteil sind, die sich ihre Vertriebskanäle jederzeit frei aussuchen können. Die sogenannten D2C-Brands (Direct-to-Consumer) sind weiterhin auf dem Vormarsch und erobern neue Kategorien. Nun können auch vermehrt neue Marken im Büromöbel-Segment beobachtet werden. Das Unternehmen Branch Furniture hat es geschafft, innerhalb eines Jahres eine neue Büromöbelmarke mit siebenstelligen Umsätzen auf den US-Markt zu bringen. Alles im Direktgeschäft. Auch die B2B-Kunden werden ausschließlich über die Online-Kanäle akquiriert. Bei den aktuellen Wachstumsraten strebt Branch für 2022 einen Umsatz von 40 Mio Dollar an. Zum Vergleich: Der 1931 gegründete Büromöbelhersteller Febrü hat 2020 mit einem Umsatz von 36 Mio Euro abgeschlossen.
Nie dagewesene Chancen
Dieser Vergleich ist keine Schmälerung der Leistung von Herstellern der Büromöbelindustrie. Es zeigt allerdings auf, welches Potenzial im Direktvertrieb steckt und wie zögerlich die Branche noch agiert. Bestehende Beziehungen zu Fachhändlern sind auch im Jahr 2021 immer noch der Hauptgrund, um den Direktvertrieb intern im Keim zu ersticken. Andererseits: Unternehmen, die dreistellige Umsätze erwirtschaften und glauben, dass sie mit einem E-Commerce-Manager den Markteintritt ins Direktgeschäft schaffen, werden gegen den neuen Wettbewerb keine Chance haben. Die Stärke von D2C-Marken liegt nicht in der Produktkompetenz. Die Stärke liegt in der Vermarktung. Sowohl beim Personal als auch monetär. Bei Unternehmen wie Branch, Poppin und Co arbeiten in der Regel mehr als 20 Prozent des Personals in den Bereichen Online-Marketing und Social Media. Die Werbeaufwendungen für diese Bereiche liegen bei 12 bis 20 Prozent der Netto-Erlöse. Etablierte Hersteller, die nun mit ihrer klassischen Kalkulation probieren, in den Direktvertrieb zu gehen, sollten sich ernsthaft fragen, ob das Investment nicht in anderen Bereichen besser angelegt ist. In der Kalkulation wird sehr gerne vergessen, dass im Direktgeschäft die gesamte Wertschöpfung zwischen Herstellungspreis und Endkundenpreis beim Hersteller liegt. Zusätzlich spielt die über Jahrzehnte festgefahrene Preispolitik der etablierten Anbieter den D2C-Marken in die Karten. Während neue Anbieter wie Eliot von Anfang an eine „ehrliche” Preisgestaltung nutzen, müssen klassische Hersteller mit Rabatten von 40 Prozent und mehr auf den Listenpreis rausgehen, um wettbewerbsfähig zu sein. Nur leider funktionieren Listenpreise mit hoher Rabattierung nicht im E-Commerce.
Aus Sicht von Marken bieten sich zurzeit nie dagewesene Chancen. Entweder schaffe ich es zum Beispiel einen der hier beschriebenen Wege im Direktvertrieb zu gehen oder ich suche mir einen Handelspartner, der neue Wege in der Kundenakquise beschreitet. Im Idealfall kann ich beides kombinieren und auf Augenhöhe kommunizieren. Sowohl im B2B- als auch im B2C-Umfeld gibt es Händler, die mittlerweile einen Großteil ihrer Kunden online gewinnen. Ob Beratungsgespräch via Zoom, Kaufanbahnung per Instagram oder Kaufabschluss bei Whatsapp: Die Möglichkeiten sind vielfältig und müssen nur konsequent genutzt werden.
Klar sollte aber auch sein, dass die Kunden nach Corona nicht wieder in Strömen in den stationären Fachhandel zurückkehren werden. Vielleicht sollten Marken gerade jetzt hinterfragen, wie sie zukünftig die Auswahl von Handelspartnern vornehmen. Dauer der Kundenbeziehung und Markenfit sind sicherlich nicht unbedeutend. Ganz oben auf der Liste der relevanten Kriterien für die unternehmerische Entscheidungsfindung sollte aber zukünftig ein anderer Begriff stehen: Kundenzugang.