Seit nun fünf Jahren gibt es das Kooperationsnetzwerk Möbelindustrie, recht lange als zahnloses Vereinstigerchen. Der Zusammenschluss von Wohnmöbelherstellern hat in den vergangenen Monaten seine Aktivitäten konzentriert. Mit verschiedenen Handelskooperationen liefen und laufen Gespräche. Ziel ist die Umsetzung einer neuen Form von Branchen-AGB, in einem zweiten Schritt könnten auch vertriebliche Kooperationen folgen.
Der Handel wehrte bislang mit Nachdruck ab. Doch der Widerstand scheint zu bröckeln. Das Netzwerk bekommt indes weiter Zulauf. Eine neue Front entsteht. Mit Chancen, Risiken und einem Haufen Konfliktpotenzial für die gesamte deutsche Möbelbranche. Und offenbar mit einem Signal der 1. Beschlussabteilung des Bundeskartellamts, das zumindest Industrievertreter als ermutigend wahrnehmen. Man muss sich schon sehr zusammenreißen, um in diesen Tagen zumindest ab und zu gute Laune zu haben. Der Dauerlockdown, die erneut steigenden Zahlen, die Materialpreisexplosionen, die Lieferzeiten: Aus dem Gewinnermarkt Möbel im Jahr 2020 ist in diesen Wochen ein Schlachtfeld geworden. Fachhändlern und Premiumanbietern und Onlinern und ihren Lieferanten geht’s weiter gut bis sehr gut. Dem Rest: meist schlecht. Einziger Trost für viele: Die Rekorde und teilweise auch Rekordgewinne in 2020, von denen viele zehren können. Die Lage ist mehr als komplex.
Und da ist es sicher für die großen Fraktionen des Handels eine die schlechte Laune exponentiell fördernde Entwicklung, dass in der Industrie seit Monaten nicht mehr nur über den ach so bösen Handel gejammert wird. Es tut sich was. Wie soll man sagen? Das Kooperationsnetzwerk Möbelindustrie, 2016 als Interessensverein gegründet, heute in der eigenen Wahrnehmung eher als Effizienzkartell im Sinne des §2 GWB zu sehen, ist aufgewacht. Nicht jetzt im Frühjahr. Schon eine Weile. 15 Wohnmöbelhersteller sind aktuell im Netzwerk organisiert. Wie man hört, kündigt sich weiterer Zulauf an. Angeblich wollen sich relevante Polsterer anschließen. Von elf Stück ist die Rede. Apropos reden. Sprechen über die eigenen Aktivitäten mag im Netzwerk niemand. Es ist eher ein Versteckspiel. Die Industrielobby versucht den Spagat, auf der einen Seite den Druck auf große Handelsabnehmer zu erhöhen, auf der anderen Seite es sich dort mit niemandem zu verscherzen. Was mancher der Beteiligten der eigenen Lobby als gewisse Weichei-Mentalität auslegt. Denn worum es geht, ist klar: Mit dem angestrebten Zugang der Krieger-Gruppe zur Begros (noch ist der Zugang in Bonn nicht abgesegnet), der Marktstellung von XXXLutz, weiteren Zusammenschlüssen auf Mittelstandsverbandsebene wird der Marktdruck der Abnahmeseite für Industrieanbieter – wenn man nicht gerade BSH, Nobilia oder Polipol heißt – unkalkulierbar.
Eigentlich ist er das heute schon. Unabhängig davon, ob aus dem KHG-Zugang bei der Begros was wird. Der Kampf um die Produktionskontingente Die Lage ist klar: Im Handel sorgen sich alle, die nicht zu Lutz oder Giga gehören, um die Produktionskontingente der Zukunft. Der Milliardenplayer und Möbelhandels-Marktführer aus Wels-Würzburg hat hier in den vergangenen Jahren geschickt agiert. Ein Ikea mit vertikaler Fertigung wollte Wels nie werden, aber die Vereinbarung von fixen Abnahmemengen, die priorisiert an Lutz und Giga-Kollegen gehen müssen, ist immer öfter fester Bestandteil der Vereinbarungen mit Lieferanten.
Und es gibt nicht wenige im Markt, die im in den vergangenen Jahren hartnäckigen Streben eines Riesen wie KHG nach Verbandsanschluss vor allem einen Grund sehen: die Sicherung der Lieferkette. Auf der anderen Seite steht die Industrie, die sich in gefährliche Abhängigkeiten begeben muss, um vorwärtszukommen. Wenn man 50 Prozent seines Umsatzes, sagen wir mal, mit Lutz und Begros/KHG macht. Ja, was ist man dann? Sicher mal nicht am längeren Hebel. Zwar ist vielen Verbands- und Zentraleinkäufern mittlerweile klar, dass die Einkaufsschraube nicht endlos weiterzudrehen ist, weil sonst eben niemand mehr da ist, mit dem man überhaupt verhandeln kann. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass – bei allem verständlichen Ärger über die Liefer-Performance in diesen Tagen – gerade in der aktuellen Ausnahmelage ein ums andere Mal teilweise unverschämte Konventionalstrafen gezogen werden. Giga-Gespräche Zu den Fakten, über die aktuell niemand offiziell sprechen will, die aber seit Wochen durchsickern, weil viele Gespräche laufen, viele Papiere kursieren, alle Verbände angefragt worden sind: Vertreter des Kooperationsnetzwerks Möbelindustrie und großer und kleiner Handelsgruppierungen haben bereits ausgelotet, ob man die Zusammenarbeit in der Zukunft vielleicht auf neue Beine stellen könnte. Aus dem Netzwerk werden die Gespräche forciert. Spätestens nach dem letzten Bamberger Urteil und seinen auf beiden Seiten kunstvollen Auslegungen (INSIDE 1108) ist der Handlungsdruck allein mal in der Frage Konventionalstrafen auch allgemein anerkannt. Bisher sind aber keine Fortschritte auf dem langen Weg zu neuen Standard- oder Branchen- AGB wirklich erzielt worden.
Gesprochen worden soll sein, so sagen INSIDER, u.a. mit VME, KHG, der Begros oder auch mit Giga. Neben neuen Standard-AGB geht es um eine neue Compliance-Vereinbarung, die im Netzwerk gerne zum Standard erhoben werden soll. Ziel: Ein Lieferant unterschreibt eine neue Vereinbarung mit dem Handelspartner nur dann, wenn der wiederum die Compliance-Vereinbarung unterzeichnet hat. Wir lassen das hier mal so stehen, ohne die Wahrscheinlichkeit zu kommentieren, dass sich große Handelseinheiten auf so ein Szenario einlassen. Oder? „Ich sehe da durchaus Chancen“, sagt einer. Am Ende haben beide Seiten ein Interesse an einer neuen Basis für die Zusammenarbeit in der Zukunft. Und beide Seiten haben Druck. Die Verbände, weil sie für ihre Mitglieder, die an der Front mega unter Druck stehen, die Warenversorgung sichern müssen. Die Industrie, weil sie ums Überleben kämpft. Manch einer meint wahrgenommen zu haben, dass man in den aktuellen Gesprächen mit Giga eigentlich auf einem konstruktiven Weg sei. Sollte eine Einigung des Kooperationsnetzwerks mit Giga gelingen, wäre das mehr als ein erster Schritt gleich zum Start. Noch ist der Weg aber weit, auch der Weg zu einem Würzburg-Deal. Es wird in den Gesprächen zur Sache gehen. Was auch an den Regelungen liegt, die in den vom Kooperationsnetzwerk aufgesetzten „Compliance-Vereinbarungen in Bezug auf Vertrags- und Geschäftsbedingungen des Handels“, die dem INSIDE vorliegen, steht.
Vier Seiten hat das Dokument. In der Compliance-Vereinbarung steht viel über die Regelungen, wann AGB unwirksam werden, über Lieferung, Gewährleistung und unter dem Punkt „Vorbehalt der Vertragsstrafe“ stehen dann Sätze wie diese: „(…) Kommt der Lieferant in Verzug, kann der Vertragspartner – sofern er glaubhaft macht, dass ihm hieraus ein Schaden entstanden ist – eine Entschädigung für jede vollendete Woche des Verzugs von je 0,5 Prozent, insgesamt aber höchstens 5 Prozent des Netto-Preises für den Teil der Lieferung verlangen (…).“ Oder unter dem Punkt „Lieferzeiten, Anlieferung, Annahmeverzug“ steht zum Beispiel das: „Kommt es trotz der Avisierung der Lieferung zu Annahmeverzug aufgrund von Wartezeiten an der Rampe des Vertragspartners länger als 30 Minuten, so steht es dem Lieferanten nach eigenem Ermessen frei, den Lieferversuch abzubrechen und/oder Verzugsschaden (wie für Standgeld, Kosten für Neuanlieferung) geltend zu machen.“
Schaut man auf die aktuell gängigen Regelungen und Vertragswerke zwischen Industrie und Handel oder auch nur auf die Gepflogenheiten an manch einer Rampe eines großen Filialisten, kämen allein diese beiden oben genannten Vertragsdetails in der Compliance-Vereinbarung einer Revolution gleich. Doch das muss ja nichts heißen. Denn auf der anderen Seite ist zu vernehmen, dass zuletzt die Entschlossenheit im Kooperationsnetzwerk deutlich gestiegen ist. Und was wäre denn, wenn selbst große Player im Handel bei der Verteilung der Produktionskontingente in Zukunft öfter auch mal leer ausgehen würden, weil der Marktführer am Ende den Daumen draufhat? Es ist vor diesem Hintergrund nicht verwunderlich, dass im Kooperationsnetzwerk Möbelindustrie zuletzt auch über eine zusätzliche und neu zu gründende „Vermarktungskooperative Möbelindustrie“ gesprochen worden sein soll. Kartell, Kartell, Kartell. Kartell? Bei einem Informationsgespräch in Bonn in der Sache, das vor wenigen Wochen stattgefunden hat, sollen, sagen INSIDER, die Vorsprecher des angedachten neuen Industrievereins grundsätzlich grünes Licht für ihren vorgestellten konzeptionellen Ansatz bekommen haben.