Herausfordernde Monate liegen hinter dem französischen Polster-Zuschnitt-Spezialisten Lectra. Gerade schaut man dort aber wieder optimistischer ins Jahr, auch weil die Investitionsbereitschaft von Unternehmen in vielen Fällen wieder deutlich steigt.
Lange Zeit hat sich die Polstermöbelindustrie in Sachen Digitalisierung schwergetan. Hört man sich bei Lectra um, scheint derzeit ein Umbruch stattzufinden – und das, obwohl oder gerade weil die Pandemie die Märkte ordentlich durchgerüttelt hat. Denn allen Schwierigkeiten zum Trotz hat sie insbesondere beim Verbraucher den Wunsch verstärkt, nicht nur im eigenen Wohnumfeld zu investieren, sondern bei ihm ebenso die Erwartungen erhöht, was die Liefergeschwindigkeit und Konfigurierbarkeit von Polstermöbeln angeht.
Jetzt hat diese Entwicklung aber nicht sofort und unmittelbar zu einem Push bei Lectra geführt. Im Gegenteil: 2020 war für das Unternehmen Lectra, das seinen Umsatz hauptsächlich mit der Fashion-Industrie (47 Prozent) und zu einem eher geringen Teil mit der Automobil- (29 Prozent) und Polstermöbelindustrie (18 Prozent) macht, insgesamt ein herausforderndes Jahr.
Das zeigt auch der Jahresbericht. Dabei kannte die Umsatzlinie bis aufs Krisenjahr 2009 zuletzt nur eine Richtung, und zwar die nach oben. 2015 lag der Umsatz bei 237,9 Mio Euro, 2016 bei 260,2 Mio Euro, 2017 bei 277,2 Mio Euro und 2018 bei 282,5 Mio Euro. 2019 sank der Umsatz erstmals seit längerer Zeit wieder etwas auf 280 Mio Euro.
Und 2020 verschärfte sich diese Situation – bedingt durch die Pandemie – noch einmal stärker. Doch trotz eines herben Umsatzrückgangs von 14 Prozent auf 236,2 Mio Euro in 2020 belief sich das Betriebsergebnis vor Einmaleffekten auf 25,6 Mio Euro und die operative Marge vor Einmaleffekten auf 10,9 Prozent. In Europa ging‘s umsatztechnisch um 11 Prozent zurück, in Nord- und Südamerika um 2 Prozent, in Asien-Pazifik um 27 Prozent und im Rest der Welt um 24 Prozent. Allerdings ist Europa auch die weitaus wichtigste Region für Lectra, der Umsatz dort macht 43 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Nord- und Südamerika kommen auf 27 Prozent, Asien-Pazifik auf 23 Prozent.
Dennoch hat Lectra keine Kurzarbeit eingeführt und auf finanzielle Unterstützung von der französischen Regierung verzichtet. Tatsächlich lief es im dritten und vierten Quartal für Lectra schon wieder besser, weshalb die Führungsetage – auch wegen eines konsolidierten Eigenkapitals von 192,2 Mio Euro – recht optimistisch auf 2021 schaut.
Und wie sieht es im Möbelbereich aus? Im Möbelsektor lief es, vor allem in Europa und Asien, gut. Heißt: Zwar hat Lectra auch dort leichte Umsatzeinbußen in Kauf genommen, unterm Strich wurde aber genauso viel Geld verdient wie im Vorjahr. Hinzu kommt: Lectra hat kaum Service-Verträge verloren. Auch wurden viele Service-Vereinbarungen für die nächsten Jahre erneuert. Insofern konnte Lectra seine Entwicklungsprojekte stramm weiter nach vorne bringen.
Das ist auch notwendig, denn die Ziele, die sich Lectra gesteckt hat, sind durchaus ehrgeizig. 2019 wurde verlautbart, dass man bis Ende 2022 bei 400 Mio Euro Umsatz liegen wolle. Natürlich war da noch nicht abzusehen, dass die Pandemie kommt. Aber klar war auch, dass das nicht allein organisch zu meistern ist.
Die Akquisition des amerikanischen Zuschnitt-Spezialisten Gerber Technology (Jahresumsatz rund 160 Mio US-Dollar), im vergangenen Jahr angestoßen, wird Lectra dahingehend einen deutlichen Schub nach vorne geben.
Mit Gerber Technology wird Lectra seine Position in den USA signifikant verbessern, wo Gerber Technology schon seit Langem als Platzhirsch gilt. Auch sonst scheint der Deal sinnvoll. Nicht zuletzt, weil Gerber und Lectra eine ähnliche Philosophie verfolgen – was beispielsweise die strategische Ausrichtung und den Fokus auf wiederkehrende Einnahmen angeht, genauso wie die Orientierung an Software-as-a-Service-Lösungen. Aus dieser in der Vergangenheit doch recht synchronen Entwicklung lassen sich vermutlich einige Synergieeffekte heben.
Aber nicht nur in den USA, auch in Europa hat Lectra einiges vor. Teilweise verhindern die Marktstrukturen hierzulande jedoch noch große Sprünge. „Deutschland hinkt im Vergleich zu anderen europäischen Ländern und insbesondere USA und China hinterher, weil der Markt von den Einkaufsverbändern gesteuert wird und dort noch starre Strukturen herrschen.“ So sagt das Holger Max-Lang, Geschäftsführer von Lectra Deutschland mit zusätzlicher Verantwortung für die Region Nord-, Zentral- und Osteuropa, einschließlich Russland sowie Türkei und Mittlerer Osten. Viele Hersteller könnten aus seiner Sicht sofort online gehen und einen eigenen E-Commerce-Shop aufbauen. Dabei sieht er dort viel Potenzial, gerade was die wachsende Bedeutung der Millennials als Käuferschicht angeht, die vor digitalen Bestelloptionen keine Scheu hat.
Aber es gibt noch andere Hemmnisse, die es zu überwinden gilt. „Diejenigen, die sich bereits in der Vergangenheit mit Investitionen schwergetan haben, waren während der Pandemie noch vorsichtiger“, sagt Max-Lang. „Die Unternehmen, die in Vergangenheit schon kräftig dabei waren, Prozesse zu optimieren und in neue Technologien Geld zu stecken, haben das während der Pandemie verstärkt getan.“
Ein gutes Beispiel ist für Max-Lang Himolla, ein Unternehmen, das die Transformation vom manuellen Handzuschnitt von Leder auf hochkomplexe digitale Technologie mitten in der Covid-Zeit gemanagt hat. „Da kann man nur seinen Hut ziehen“, sagt er. Grob sieht Max-Lang die Zukunft der Zuschnitt-Technologie im vermehrten Angebot von Software-as-a-Service, erweitert um Machines-as-a-Service. Der Vorteil liegt dabei unter anderem darin, die Kapitalbindung für Unternehmen zu reduzieren. Außerdem, so Max-Lang, wird die teure Ressource der menschlichen Arbeitskraft mehr und mehr durch Maschinen abgelöst. Die mangelnde Verfügbarkeit von Produktionsmitarbeitern sei in Osteuropa für mittlerweile viele Unternehmen das größte Hindernis für weiteres Wachstum. Momentan, so prognostiziert das Max-Lang anhand der Investitionspläne der Industrie für 2021, stellt sich die Polstermöbelindustrie auf ein starkes Wachstum ein, schon in der zweiten Jahreshälfte.