Flexibel mit offenen Schnittstellen
Expert Systemtechnik stellt sich breiter auf
Wasser oder Messer – was ist besser? Lange gab‘s darauf beim Zuschnittspezialisten Expert Systemtechnik die klare Antwort: der Zuschnitt per Wasserstrahl. Seit einiger Zeit ist das Bielefelder Unternehmen aber auch mit Messer-Cuttern am Markt und sieht viel Wachstumspotenzial im kommenden Jahr.
2020 war, wie für die meisten Unternehmen im Maschinenbau, alles andere als erfreulich. Expert Systemtechnik hat die Investitionszurückhaltung gespürt wie andere Unternehmen auch. Dass es holprig werden würde, war schon mit dem Lockdown im März 2020 klar. Kosten wurden angepasst, der Vertrieb wurde neu aufgestellt. Noch dazu traf Expert die Krise besonders, weil das Unternehmen mehr als 50 Prozent des Umsatzes im Export macht und Besuche im Ausland oder aus dem Ausland kaum möglich waren. Einiges konnte durch Webinare und Videokonferenzen aufgefangen werden.
Hinzu kam ein weiteres Hindernis: Bei erklärungsbedürftigen Investitionsgütern, wie Expert sie hat, spielt es eine große Rolle für Kunden, die Technik einmal live zu erleben. Das war durch Video-Präsentationen natürlich nicht so möglich. Dennoch hat das Unternehmen jede Möglichkeit genutzt, die sich bot, beispielsweise die Live-Stream-Optionen von Youtube. Kurzum: Es war ein herausforderndes Jahr für Expert. Aber in Bielefeld sehen die rund 30 Mitarbeiter des Unternehmens schon viel Licht am Ende des Tunnels.
Seit Februar steigt die Investitionsbereitschaft der Industrie wieder deutlich. Neukunden-Kontakte sind aufgrund der Reisebeschränkungen noch schwer aufzubauen. Aber auch da ist Besserung in Sicht. „Wir sind für 2021 optimistisch, mindestens wieder auf das Niveau von 2019 zu kommen“, sagt Sebastian Bruder, der gemeinsam mit seinem Bruder Manuel die Geschicke des Familienbetriebs lenkt.
Die Geschichte des Unternehmens begann vor fast 30 Jahren. Bevor Wolfgang Bruder, Vater der heutigen Geschäftsführer, Expert Systemtechnik aus der Taufe hob, leitete er die Entwicklungsabteilung des Bielefelders Nähmaschinenherstellers Dürkopp Adler. Dort beschäftigte man sich nicht allein mit dem Zusammennähen von Stoffen, sondern auch seit Mitte der 80er Jahre mit deren Trennung. Zum Einsatz für das formgerechte Schneiden kam dabei schon damals der Wasserstrahl. Als der Nähmaschinenhersteller mal wieder in eine schwierige finanzielle Lage kam und man die Entwicklungsgesellschaft der Dürkopp Adler schließen wollte, gründete Wolfgang Bruder, gemeinsam mit zwei weiteren Kollegen, im Zuge eines Management-Buy-outs 1994 Expert Systemtechnik.
Zunächst konzentrierte man sich bei Expert Systemtechnik auf die Programmierung von Software zum Optimieren von Leder- und Textilzuschnitten. Später ging es dann mit dem Bau von Wasserstrahl-Cuttern weiter, auf die sich das Unternehmen spezialisiert hat.
Seit 2019 ist Expert allerdings auch mit einem Messersystem offensiv im Markt, auch wenn man die Technologie schon seit 2011 im Programm hat. Dass Expert nun auch im Messerbereich aktiv ist, liegt daran, dass der Wasserstrahl durch seine hohe Kapazität nur für Kunden geeignet ist, die mehr als 70 Lederhäute pro Schicht verarbeiten. Ideal für Unternehmen wie die 3C-Gruppe, Ada, die IMS-Gruppe oder HTL in China. Im Bereich der Messercutter hat Expert nun auch die eher handwerklich geprägten, kleineren Polstermöbelbauer im Visier, auch Raumausstatter und Sattlereien, genauso wie Premium-Anbieter wie Cor oder Artanova. Messercutter sind deutlich günstiger als die Wasserstrahl-Variante. Rund 100.000 Euro kostet eine textile Lösung mit einem Messer. Eine Wasserstrahl-Lösung fängt bei rund 180.000 Euro erst an. Da geht es sogar schnell mal auf 240.000 Euro oder 280.000 Euro hoch.
Den hohen Preis für Wasserstrahl-Cutter zahlen gerade große Unternehmen gerne, denn diese besondere Technologie hat einige Vorteile. So arbeiten Wasserstrahl-Systeme rund zweimal so schnell wie Messersysteme, bilden eine wesentliche höhere Kapazität ab. Neben der Geschwindigkeit spricht aber auch die Präzision für den Wasserstrahl. „Wir können jede Kontur schneiden“, sagt Sebastian Bruder.“ Der kleinste Durchmesser, den wir schneiden können, ist der Durchmesser des Wasserstrahls, nämlich 0,1 Millimeter. Das können Sie mit einem Messer nicht.“
Auch wenn das Geschäft mit Messercuttern stetig wächst, sieht man in Bielefeld langfristig das größte Potenzial in der eigenen Software-Schmiede. „Für uns ist das ein Wettbewerbsvorteil, wenn man sieht, was in Zukunft auf die Branche zukommt“, sagt Manuel Bruder. „Im Gegensatz zu anderen, die einzelne Software-Pakete zukaufen, hat Expert alles selbst entwickelt. Das ist großer Aufwand, setzt aber Expert in die Lage, auf kundenspezifische Anforderungen flexibel reagieren zu können.“ Anders gesagt: Passgenaue Lösungen anbieten statt Kunden etwas aufzwingen, was bereits vorhanden ist, - darin sieht man bei Expert die eigene Stärke.