Zum Hauptinhalt springen

 

 

 

Best of INSIDE Spezial Neue Ideen: Artisan

Tausendsassas aus Tešanj

28.12.2023 | 23:35
Roadtrip durch Bosnien: David Östreich, Enida Đuhera mit drei Artisan-Kollegen

Bosnien-Herzegowina ist ein kleines Land, ein ehemaliges Kriegsland, in dem viele Menschen noch Träume haben, vielleicht auch deshalb, weil hier viele wenig haben. Gejammert wird nicht, lieber angepackt. So auch beim Massivholzmöbelhersteller Artisan aus dem zentral in diesem kleinen Balkanland gelegenen Tešanj. Outsider Simon Feldmer ist mit dem perfekten Reiseleiter David Östreich hingeflogen. Der Zwei-Tages-Trip war ein Erlebnis. Die besondere Kombination aus Handwerk und Hightech ist bemerkenswert hier, und fast noch mehr, dass sie bei Artisan nicht alles mit sich machen lassen, sondern lieber stolz nach vorne marschieren (Eine Reportage von Outsider Simon Feldmer aus dem INSIDE Spezial Neue Ideen im Januar 2023).

Der Wizz-Air-Flieger wackelt ganz schön. Er ist bis auf den letzten Platz besetzt. Mütter mit kleinen Kindern, Senioren, Familien. Es windet über den flachen Hügeln von Tuzla, an diesem Abend Mitte Januar gegen 22.00 Uhr. Vom Flieger aus geht es über das Rollfeld zur Passkontrolle. Direkter Weg, lange Schlange. Zieht sich. Die Grenzer schauen genau. Ich ziehe meinen alten Reisepass aus der Tasche. Mag ich gerne, wenn der Stempel reingedrückt wird, sobald man sich mal außerhalb der EU bewegt. Dabei sind wir nur anderthalb Stunden geflogen. Nach Rom ist es weiter von München aus. Und doch ist mir der Balkan bisher nicht so nah gewesen. 

Zum ersten Mal in Bosnien. Zwei Nächte bin ich mit David Östreich hier. Auf der EMMK-Messe im November haben wir uns in Rheda-Wiedenbrück getroffen, zwischen Mats Ueckers Regalsystem-Neustarter Modulare und ziemlich bemerkenswerten Holzstühlen und -tischen aus Bosnien für diesen Trip verabredet. Östreich, als selbstständiger Handelsvertreter für den bosnischen Massivholzspezialisten Artisan, für sein witziges und durchdachtes Hundebetten-Start-up und noch so einiges mehr so gut wie jeden Tag quer durch Deutschland unterwegs, Östreich, 47 und Herzblut-Vertriebstier aus Essen, erzählte mir von diesem Hersteller etwas südlich von Tuzla, diesem in den vergangenen Jahren stark gewachsenen, 300 Mitarbeiter starken Premiumanbieter mit klarem Designfokus aus Tešanj. Es war schnell klar, dass wir da zusammen hinfahren müssen. Auf der Suche nach kreativen Machern im europäischen Möbelmarkt für das INSIDE Spezial Neue Ideen! Ich hatte schon in Rheda-Wiedenbrück den Tuzla International Airport vor Augen.

Es ist 22.30 Uhr. Frisch ist`s. Es riecht nach verheiztem Holz. Rauch und Nebel wabern durch den Himmel. Wir stehen vor dem Flughafen, etwas verlassen mit unseren Handys in der Hand, und suchen den Weg ins Apartmenthaus. Alle Kneipen zu, kein Welcome-Bier in Sicht. Eine Familie kommt auf uns zu und fragt uns: Wo kommt ihr her? Braucht ihr Hilfe? Sie kamen gerade aus München. Der kleine Junge war am Tag davor in der Allianz Arena. Spiel war da zwar keins, aber der kleine Mega-Bayern-Fan war happy. 

Sein Vater strahlt, weil er seinem Buben diese Freude machen konnte. Er sagt zu uns: „Wir sind hier in Bosnien, wir können uns nur selbst helfen. Wir sind zu klein.“ Die Mutter erzählt vom Krieg, in dem ihr Vater gestorben ist. Der kleine und ziemlich schrabbelige Flughafen in Tuzla kann nicht verbergen, dass er ein ehemaliger Militärflughafen ist. Von 1992 bis 1995 tobte der Bosnienkrieg. Fast 30 Jahre ist das her. Für die Menschen in diesem kleinen Vielvölkerstaat scheint es sich anders anzufühlen. Viel kürzer. 

Es wird eigentlich in jedem Gespräch in den nächsten zwei Tagen, bei so vielen freundlichen und interessanten Begegnungen, auch immer kurz um den Krieg gehen. Ohne zu jammern. Manchmal auch recht kühl, oft aber auch mit einem Sound in den Sätzen, der so klingt, als wollten sie die Vergangenheit endlich abschütteln. Viele Sätze beginnen mit „Ja, wir sind Kriegsland, aber . . .“  Die Vergangenheit ist hier, man wird das Gefühl nicht los, nicht nur schrecklich und Ballast, sie ist auch einer der großen Antreiber.

Am nächsten Morgen holt uns Ermin im Apartmenthaus ab. Artisan-Kollege, lustiger Kerl. Wir haben gerade gefrühstückt. Hühnersuppe, danach Omelett und bosnischen Kaffee. Mal was Leichtes am Morgen. Zum Frühstück wurde als kleine Krönung obendrauf kräftig gequalmt im Café. In Bosnien ist das noch erlaubt. Wir fahren an der erste Autowaschanlage vorbei. Car Wash ist hier beliebt, so scheint`s. Auf der Fahrt nach Tešanj werden wir noch viele Car-Wash-Anlagen sehen, garantiert immer mit jemandem am Auto-Schrubben und Abspritzen. Wir unterhalten uns mit Ermin über den Google Translator auf dem Handy. Funktioniert prächtig. Ermin liest von Öst­reichs Handy auf Bosnisch ab: „Fahr uns doch bitte mal an ein paar Möbelhäusern vorbei. Wir haben Presse an Bord.“ Kleiner Lacher am Vormittag. Möbelhäuser gibt es tatsächlich einige. Und man kann sich nur wundern, was hier Möbel so kosten, in einem Land, in dem es keinen Giga-Verband, keine Begros, aber viele Menschen mit schmalem Geldbeutel gibt. Möbel sind eher ein Luxusgut. Und trotzdem fahren wir auf dem Weg sicher an fünf, sechs Möbelhäusern vorbei. 

Lieber Marke als Werkbank

Nach anderthalb Stunden Fahrt durch ein hügeliges Land, in dem viel Industrie steht, aber auch in jedem dritten Garten ein altes, verrostetes Auto, kommen wir nach Tešanj, 46.000 Einwohner. Viel Industrie ist hier angesiedelt: Holzverarbeitung, Möbel, Socken. Hugo Boss produziert hier, Pilat & Pilat auch. Die Altstadt befindet sich auf einem Hügel, auf dem wiederum ganz oben ein Schloss steht. Wir biegen auf den Artisan-Parkplatz ein. Hier ging mal alles los. Besuch in der Keimzelle. Die Produktion, von den verschiedenen Trocknungshallen, eine davon mächtig imposant auch mit top Durchzug auf einen Hügel hochgebaut, über das Sägewerk bis zu den Tisch- und Stuhlproduktionen ist Artisan hier in Tešanj gut verstreut. 15 Jahre ist die Firma erst alt. Das Geld wurde immer in die Firma gesteckt. Hier stehen modernste CNC- und Holzbearbeitungsmaschinen. Hier steht aber auch der Artisan-Kollege mit dem Schleifgerät in der Hand und veredelt den nächsten Stuhl.

2007 taten sich die zwei Gründer von Artisan zusammen. Beide produzierten hier in der Stadt zuvor auch schon Möbel, jeweils mit ihren Schreinereien, eher für kleine Objekte. Einer der Besitzer heißt Fadil Ćostović. Von ihm sprechen die Artisan-Kollegen ein bisschen wie von ihrem lieben Papa. Er kümmert sich um alles. Als es vor ein paar Jahren ein schlimmes Hochwasser gab, haben die Artisan-Inhaber allen ihren Mitarbeitern Geld und Helfer geschickt, um die Häuser und Wohnungen wieder instand zu setzen. „Die beiden wussten schon immer, dass Artisan nur vorwärtskommen kann, wenn jeder Mitarbeiter mit vollem Herzen und viel Energie dabei ist“, sagt Enida Đuhera, seit vielen Jahren Verkaufsleiterin und gute Seele der Firma. Sie ist eigentlich Englischlehrerin. Lehrer verdienen in Bosnien schlecht. 

Zusammen mit David Östreich und Vertriebschef Armin Huremović hat Đuhera in den vergangenen Jahren auch das Geschäft in Deutschland aufgebaut. Artisan hat mal mit 20 Leuten angefangen. Heute sind es 300. Viele Hersteller haben angefragt, ob sie hier Teile fertigen lassen können. Große und bekannte deutsche Hochwerthersteller, italienische Topmarken. Huremović: „Wir haben uns früh entschieden, dass wir mit unserer hochspezialisierten Holzfertigung und Entwürfen internationaler Designer auch eine internationale Topmarke im Möbelmarkt werden können. Wir wollten nie die verlängerte Werkbank für andere Hersteller sein.“ Und so wurden sie es auch nicht, auch nicht in Zeiten, in denen es nicht so voranging.

Es wäre ein leichtes gewesen für die Holzspezialisten aus Tešanj noch viel schneller zu wachsen. Aber sie haben oft nein gesagt. Das haben nicht alle Deutschen, Österreicher, Italiener und Skandinavier verstanden, die hier waren – mit schönen Volumenaufträgen. Bei Artisan haben sie 2011 lieber die erste eigene Möbelkollektion auf die Beine gestellt. 2012 ging`s mit anderen Herstellerkollegen aus Bosnien auf einen Gemeinschaftsstand nach Köln. Und es ging los, nach und nach. Überhaupt ist oft von der IMM die Rede, die für einen Hersteller wie Artisan eine immense Bedeutung in der noch jungen Geschichte hat. In Mailand hat Artisan noch nie ausgestellt. Wenn in diesem Frühjahr ein guter Standplatz daherkäme, würden sie aber gerne. Köln ist auch im Juni gesetzt. Und auch im Januar dann wieder.

2014 stand Artisan mit dem Neva-Stuhl in Köln. Heute verkaufen sie von diesem wohlgeformten Holzstuhl, der um die 900 Euro kostet, 10.000 Stück im Jahr. Ein Riesenerfolg. Auch für das noch junge Designer-Trio aus Sarajevo, das heute als Regular Company für viele international renommierte Labels arbeitet, war der Stuhl der erste große Wurf. Und was für einer. Östreich, der sich auf seinem Instagram-Kanal eine kleine Fangemeinde aufgebaut hat, radelt dann in einem Insta-Video mit auf den Rücken geschnallten Stuhl schon mal zu seinen Möbelhändlern. Der Stuhl ist ein Bestseller – und für Artisan bis heute in den Ausstellungen von mehr als 300 Handelspartnern weltweit oft die Eintrittskarte für mehr. 90 Stühle werden am Tag in einer ganz besonderen Kombination aus Hightech und Handarbeit produziert.

Das Sortiment ist längst gewachsen. Der Objektbereich macht nach wie vor rund 30 Prozent vom Umsatz aus. Artisan-Möbel stehen in Four Seasons, Ritz-Carltons und Firmenzentralen von bekannten Unternehmen in bekannten Metropolen. Bei gut 20 Mio Euro ist der Massivholzmöbelspezialist mittlerweile angekommen – 16 Jahre nach der Gründung. Bekannte Designer arbeiten für die Bosnier. Der Kölner Michael Schneider, Fahmida Lam aus New York, Karim Rashid, Salih Teskeredzic aus Bosnien, Says Who aus Dänemark und einige mehr. Man sieht sich als Highend-Brand. Und sieht überhaupt nicht ein, weshalb man günstiger sein sollte als die Topmarken aus Italien, nur weil man aus Bosnien kommt. 

Verkaufschef Huremović, eigentlich ebenfalls studierter Lehrer und schon lange an Bord, sagt: „Wir wollen und wir können nicht günstiger sein als die Italiener. Wir arbeiten auf demselben Level.“ Auch in Tešanj ist ihnen klar, dass es schwierig sein wird, eine Produktion in Europa mit so vielen Händen, durch die ein Tisch oder Stuhl hier geht, bis er geölt auf den firmeneigenen LKW kommt, dass diese Handarbeit mit so viel CNC-Einsatz (eine CNC-Maschine fräst schon mal 15 Minuten an eine speziellen Stuhlkrümmung) langfristig nur schwer aufrechtzuerhalten ist. Huremović: „Eigentlich stirbt diese Art der Möbelproduktion in Europa doch aus. Wir werden alles dafür tun, sie zu erhalten und weiter auszubauen. Wir empfinden es hier so, als wären wir noch ganz am Anfang einer langen Reise. Und wir wissen genau, dass wir bestimmte Dinge im Design auch nur deshalb umsetzen, weil wir es wollen, auch wenn die Komplexität und der Aufwand eigentlich in keinem Verhältnis stehen.“ 

Verkaufsleiterin Đuhera geht bald ein zweites Mal in Mutterschutz, will aber schnell zurückkommen. „Wir sind immer am Planen, am Investieren und Ausbauen. Wir haben so viele Ideen, es geht immer weiter“, sagt sie. 2018 starteten sie mit Insan eine Submarke, die sich ein Preislevel unter Artisan ihre Kunden suchen soll. Nicht alles läuft auch hier immer gleich. Aber die Beharrlichkeit der Bosnier, sie ist beeindruckend. Und vor allem die Klarheit. In Sachen Ökologie zum Beispiel waren sie hier schon immer bis zum letzten Verschnitt des Baumstamms, den sie zuvor selbst getrocknet haben, am Verwerten. Lacke gibt es hier keine. Es staubt in der Produktion. Es riecht nach Holz. Als Nächstes wird nun das Plastik aus der Verpackung verbannt. Der Prozess ist von Anfang bis zum Ende in der eigenen Hand, bis zur Auslieferung mit dem eigenen LKW nach Schweden. Die Rekla-Quote geben sie mit unter 2 Prozent an. „Wir arbeiten nach dem Motto: Der Endkunde sieht jeden Fehler“, sagt Huremović.

Wie war das damals, als ihr nach und nach in den Markt gekommen seid? Waren da nicht viele Kunden, die automatisch davon ausgegangen sind, dass ihr es immer eine Ecke günstiger macht, weil ihr eben aus Bosnien seid, will ich am Ende wissen. Sales-Chef Huremović sagt es so: „Ein neuer Uhrenhersteller, der aus der Schweiz kommt, der muss sich nicht groß erklären. Man geht davon aus, dass er hochwertige Uhren macht. Wir als Bosnier mussten und müssen uns unsere Position im Highend jeden Tag erkämpfen, jeder von uns.“ 

Login

Hier zum Newsletter anmelden: