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Spezial Neue Ideen

Ein Wutausbruch

Das KI-Gespenst oder Die Wahrheit über die Künstliche Intelligenz

Über KI zu sprechen, zu diskutieren, zu argumentieren, ist eine verlorene Liebesmühe. Debatten und Diskurse über KI sind entweder heuchlerisch, weil sie nur die Märchen und Illusionen einer wildgewordenen Silicon-Valley-Ideologie nachplappern. Oder unproduktiv, weil sie keinen Raum lassen, diese Technologie als Möglichkeitsraum zu würdigen. Entweder bringt KI die Mega-Super-Chance! Die Erlösung. Neues Wirtschaftswachstum! Bessere Bildung! Lösung des Pflegenotstands! Endgültige Heilung von Krebs! Überfülle von allem!

Oder KI ist der Untergang der Menschheit. Massenhafte Arbeitslosigkeit. Brainrot, also Gehirnfäule, wie Netzkultur-Leute sagen. Verblödet werden wir an unseren Bildschirmen kleben, bevor wir alle zu Briefklammern verarbeitet werden, weil die KI das in ihrer allgemeinen Super-Intelligenz beschlossen hat.
Was wäre, wenn beides irgendwie wahr wäre, aber weder das eine noch das andere eintreten wird?

Von Matthias Horx

Die erste Wahrheit ist, dass die KI keine normale Technik ist, die sich mit der Dampfmaschine, der Elektrizität, der Eisenbahn, dem Auto oder dem Penicillin vergleichen lässt. Noch nicht mal mit dem Computer, der ja bekanntlich die Grundlage für Künstliche Intelligenz ist.

Das Hyperobjekt

KI ist ein Hyperobjekt. Ein Phänomen in einer anderen Dimension. Hyperobjekte sind Phänomene, deren Ausmaß und Komplexität unsere Fassungskraft übersteigen. Sie haben eine vielschichtige Dimension des „Unheimlichen“. Hier eine Definition: „Hyperobjekte sind Objekte, die zwar Vitalität besitzen, aber nicht berührt werden können. Hyperobjekte sind zeitlich und räumlich und strukturell so stark verteilt, dass ihre Gesamtheit nicht in einer bestimmten lokalen Ausprägung erfasst werden kann. Ebenso wenig kann man sie in die Kategorien von Natur oder Kultur einordnen.“

Ein Hyperobjekt ist zum Beispiel die Erderhitzung: Wir versuchen, dieses Phänomen zu erfassen und damit vernünftig umzugehen, aber es ist so vielschichtig, dass es sich unserem Wahrnehmungs-System entzieht. Offensichtlich klappt das aber nicht. Wir können uns der Erderwärmung und dem Klimawandel nicht entziehen, weil das Phänomen irgendwie ausufert.

Weitere Hyperobjekte sind: Zeit. Geld. Gott. Niemand kann beweisen, dass Gott existiert. Oder funktioniert. Wenn man betet und erhört wird, liegt es an Gott. Wenn man nicht erhört wird, hat Gott das eben so entschieden. Ähnlich ist es offensichtlich mit der KI.

Hyperobjekte lassen sich nur durch ihre Wirkungen beobachten. Die KI hat ohne Zweifel unsere Kultur, unser Denken schon heute massiv beeinflusst und verändert. Sie hat die menschliche Evolution auf einen anderen Pfad gesetzt. Und das für immer.

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Mythos, Dämon, Moloch, Hype

Es könnte sich lohnen, die KI nicht als Technologie, sondern als einen Mythos zu betrachten. Mythen haben in der Geschichte der Menschheit immer schon eine wichtige Rolle gespielt. Genauer gesagt: Mythen, also idealisierte Vorstellungen, sind der eigentliche Treiber der Geschichte. Ein Mythos ist eine Erzählung des Höheren, von dem wir uns angezogen fühlen. Mit unserem übergroßen Hirn produzieren wir unentwegt Mythen, also komplexe symbolische Zusammenhänge, die uns den Weg weisen sollen. Mythen sind so etwas wie selbsterfüllende Prophezeiungen: Wer einen Mythos hat, verhält sich entsprechend. Mythen können in den Abgrund führen. Aber auch in den Fortschritt, langfristig gesehen.

KI als Dämon: Der amerikanische Blogger Charlie Warzel, der sich intensiv mit den mentalen Wirkungen von KI beschäftigt, berichtete vor einiger Zeit von einer verstörenden Erfahrung. In einem Podcast lief ein Interview eines Fernsehmoderators mit einem Jugendlichen. Dieser Jugendliche war allerdings tot. Er war bei einem School-Shooting vor einigen Jahren ums Leben gekommen. Eine KI hatte den Jungen „rekomponiert“, ihm Stimme und Worte verliehen, damit er mit seiner honest voice, seiner Authentizität, Aussagen für eine bessere Waffenkontrolle in den USA machen konnte. Blogger Warzel: „Das Interview löste ein Gefühl aus, das mir in den letzten drei Jahren nur allzu vertraut geworden ist. Es ist das flaue Gefühl eines gesellschaftlichen Wettlaufs in eine Zukunft, die sich blutleer, hastig erdacht und achselzuckend hingenommen anfühlt. Dieses seltsame Gebräu aus Schock, Verwirrung und Ambivalenz, so habe ich erkannt, ist das bestimmende Gefühl der generativen KI-Ära. Drei Jahre nach Beginn des Hypes scheint es, dass eine der nachhaltigen kulturellen Auswirkungen von KI darin besteht, den Menschen das Gefühl zu geben, den Verstand zu verlieren. Tatsächlich scheint es, dass eines der vielen Angebote der generativen KI eine Art Psychose als Dienstleistung ist.“

Im Hintergrund des KI-Mythos wabert eine Vorstellung von Wiederauferstehung. Die einschlägigen Posthumanisten der USA, die sich aufmachen, die Macht zu übernehmen, verbinden mit ihr die Möglichkeit der digitalen Unsterblichkeit. Statt zu sterben, leben wir irgendwann in einem digitalen Universum, als algorithmische Wesen hochgeladen in eine KI-Cloud. Es gibt erstaunlich viele Menschen, meistens Männer, die tatsächlich von dieser naiven Idee fasziniert sind. Dass eine solche abstrakte Existenz aber nichts mehr von einem menschlichen Leben hätte, fällt ihnen gar nicht auf. Wie würde sich denn eine solche Existenz anfühlen?

Dämonen sind eine Kraft, die in Lebewesen hineinfahren und dort Verwirrung und Chaos erzeugen. Es gibt Spukdämonen, Wahnsinnsdämonen, Krankheitsdämonen, Traumdämonen, Totendämonen oder Schutzdämonen. Die KI ist eine Art Über-Dämon, denn sie ist wiederum selbst Produzent von Dämonen in großer Zahl – Millionen KI-Bots werden soeben erschaffen, also künstliche Identitäten, Partner, Freunde, Ratgeber, Avatare, die ein Eigenleben zu führen scheinen und uns mit ihrem Erscheinen verzaubern sollen. Und sie tun das bereits, in der Realität. Immer mehr Menschen scheinen sich sogar in Maschinen zu verlieben, die ihnen schmeicheln und zu Diensten sind – rund um die Uhr, immerzu im Ton der Bestätigung und Bestärkung.

Die KI als Moloch: Die schottische Statistikerin und Zukunftsforscherin Hannah Ritchie (schreibt auf ourworldindata.org), Autorin des erhellenden Buches „Hoffnung für Verzweifelte“, hat den Begriff der Molochfalle erfunden. Das Wort Moloch bezeichnet einen antiken Opfergott. In einer Molochfalle wird man gezwungen, bei etwas mitzuspielen, was man vermeiden will, aber nicht vermeiden kann, wenn man weiter mitspielen will.

Ein paar Beispiele für Molochfallen der jüngeren Geschichte:

  • Die Rennradfahrer-Stars Lance Armstrong und Jan Ullrich mussten dopen, sonst hätten sie gar nicht erst bei der Tour de France antreten können.
  • Im Internet müssen Frauen einen digitalen Schönheitsfilter benutzen, sonst werden sie unentwegt weggeklickt und gesperrt.
  • Politiker müssen ständig populistische Rhetorik raushauen, weil sie in der rasenden Aufmerksamkeits-Gesellschaft sonst keine Chance haben.

So oder so ähnlich verhält es sich mit der KI und uns Menschen: Wir müssen offensichtlich den KI-Hype mitmachen. So wird es uns jedenfalls von allen Seiten, sogar von der Politik, erzählt: Wenn wir nicht mitmachen bei diesem dämonischen Spiel, werden wir den Anschluss verlieren, werden wir abgehängt. Wovon eigentlich? Das ist Moloch-Propaganda pur.

Die KI ist eine strenge Gestalt.

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