Das große Aufräumen
Einmal alles auf Neustart bei Rauch
„Natürlich kann man sagen, dass wir eine Rentnerband sind. Wir sind nicht die Zukunft von Rauch, aber wir sind die richtigen Leute in dieser Situation. Wir haben ein klares Ziel vor Augen und werden Rauch wieder fit für die Zukunft machen. Auf diesem Weg sind wir in den ersten 100 Tagen weit gekommen. Wir schauen uns alles an und stellen die Schwächen gnadenlos ab.“ Rainer Hribar ist seit Anfang Juli der neue Sprecher der Geschäftsführung beim Kastenmöbelhersteller Rauch in Freudenberg. Und der Sanierungsexperte aus Österreich, er mag offene Worte.
Das kam zuletzt offenbar auch auf der recht kurzfristig eingetakteten Hausmesse in Freudenberg bei Kunden gut an. Hribar sei ein cooler Typ, hört man aus dem Handel. Muss er auch sein. Denn er hat ein sehr dickes Brett zu bohren zusammen mit seinen beiden Geschäftsführer-Kollegen bei der Rauch Möbelwerke GmbH: Der langjährige Hülsta-Mann Andreas Bremmer schiebt seit seiner Rückkehr aus dem Möbel-Exil im Juli kräftig im Vertrieb an und hat über den Sommer hinweg offenkundig wieder einiges an Vertrauen zurückzuerobern. Rauchs Technik-Geschäftsführer Klaus Dahlem ist ebenfalls ein erfahrener Mann, war zuletzt viele Jahre bei Forte in Polen.
Eine Preiserhöhung musste die neue Rauch-Führung durchziehen. Und am gestrigen Dienstag haben zudem 67 Rauch-Kollegen ihre Kündigung bekommen. 90 Stellen werden insgesamt in diesen Wochen abgebaut. „Das betrifft alle Ebenen, sehr stark auch die zweite Führungsebene im Haus“, sagt Sanierer Hribar. Das soll es dann aber mit Personalmaßnahmen gewesen sein. Auf der Hausmesse will Bremmer viele „feste Zusagen“ von Kunden erhalten haben, die sich zuletzt von Rauch verabschiedet hatten.
Im ersten Halbjahr war der Konflikt geradezu offen ausgebrochen und auch auf der Frühjahrsmesse geradezu eskaliert. Die beiden damaligen Rauch-Geschäftsführer Jochen Arndt (CCO) und Andreas Gerecke (COO) mussten ihren Hut nehmen. Rauch-Legende Michael Stiehl zog sich Ende Juni zurück. Der Neustart an der Spitze sollte Rauch aus dem Strudel ziehen. Im Herbst, nach der Messe in Freudenberg, sagen Hribar und Bremmer nun: „Die Resonanz aus dem Handel ist überwältigend.“ Daran wird man sie messen. Zu stemmen sei der Umbau in harten Zeiten, sagen Hribar und Bremmer, ohne dass die Gesellschafter frisches Geld geben.
Das gerade laufende Geschäftsjahr (Stichtag 30. Juni) wird dennoch kein gutes. Zu viel ist hausintern passiert. Zu schlecht sind zudem die Rahmenbedingungen, die auch Rauch mit voller Wucht treffen. Von einem Volumenrückgang um rund 25 Prozent geht die neue Rauch-Führung im laufenden Geschäftsjahr aus. Das Umsatzminus wird geringer ausfallen aufgrund der Preiserhöhung. Im oberen Segment liege man auch derzeit gut, sagt Bremmer. „Aber im Preiseinstieg müssen wir neu denken.“
Rauch, stark mengengetrieben, hat mit Möbeln in den vergangenen Jahren kein Geld verdient. Das Spanplattenwerk hat das ausgeglichen. Hribar sagt: „Und das machen wir nicht mehr. Wir werden mit unseren Schränken keine Euros mehr mitschicken.“ Von der Vertriebs- und Marketingoffensive über Optimierungen im Service und an der Qualitätsfront bis zur Digitalisierung: Hribar sagt, man schaue sich alles an, stelle alle Schwächen gnadenlos und ohne Rücksicht auf Verluste ab. Vom Auftragseingang bis zum Eingang des Rechnungsbetrags auf dem Konto müsse jeder Prozess heutzutage passen. Das sei aber nicht der Fall gewesen.
Wie kann so etwas passieren bei einem Kaliber wie Rauch? Hribar sagt: „Das fragen wir uns auch. Wenn man denkt, es geht von selbst. Oder wenn man selbstgefällig wird, dann bekommt man dafür eben die Quittung.“ Manch ein Händler aus dem Stationären sagt, Rauch habe sich viel zu sehr auf online konzentriert in den vergangenen Jahren. Hribar entgegnet: „Zu sehr kann man sich heutzutage nicht auf online konzentrieren, das ist ein entscheidendes Zukunftsthema, mit dem wir weiter wachsen wollen, auch international.“ Bremmer: „Aber wir haben den Fachhandel vernachlässigt.“ Und Hribar: „Mein Eindruck ist, dass die Kundenpflege und die Kundennähe etwas aus dem Auge verloren wurden.“
Für die neuen Leute an der Rauch-Spitze ist es in der aktuellen Lage sicher besser, die Probleme der Vergangenheit offen anzusprechen. Nach dem Motto: Kann ja nur besser werden. Bei Hribar und Bremmer hat man aber den Eindruck, es ist nicht Kalkül, sondern es ist einfach verdammt viel zu tun bei Rauch. Am Ende seines Mandats, sagt Hribar, soll in Freudenberg dann eine neue Spitze einen zukunftsfähig aufgestellten deutschen Möbelhersteller übernehmen. Hribar: „Und das Volumen wird auch zurückkommen nach der Krise. Und dann sind wir fit.“