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Digitalisierung – eine menschliche Innovation?

Digitalisierung in der Möbelbranche (12)

19.08.2022 | 10:09

Im gedruckten INSIDE 1102 startete die in loser Folge erscheinende Serie "Digitalisierung in der Möbelbranche". Im zwölften Teil der Serie macht sich Gastautor Lorenz Kilga Gedanken über die Zusammenhänge zwischen Digitalisierung und analogen Prozessen. 

 

Da hatte uns Christian Wimmer, Geschäftsführer der Garant-Austria- und Wohnunion-Verbandsplattform Service & More einen Tipp für den INSIDE gegeben nach dem letzten INSIDE Branchen-Gipfel. Da gäbe es diesen Newcomer, den könne man sich doch mal anschauen. Wir waren neugierig auf den 27-jährigen Firmengründer. Einen Videocall später schon machte sich Lorenz Kilga an den unten folgenden Gastbeitrag.

 

Möbel liegen Kilga im Blut: Die Großeltern eröffneten in den 1970ern ein Möbelgeschäft in Innsbruck. Das Besondere: Handel, kombiniert mit einem Café. Also ein früher Concept-Store. Im „Haus Kilga“ ist der Laden heute noch zu finden. Auch die Möbelagentur von Vater Markus Kilga (Kunden: viele italienische Marken) hat dort ihre Büros. Nach der Schulausbildung in Tirol zog es Junior Lorenz Kilga zum Studium in die USA. An der Parsons School of Design in New York machte Kilga seinen Bachelor of Arts in Strategic Design Management. In Stockholm bei Pond Design konnte er sein Wissen anwenden, bevor er am University College London seinen Master of Science in Retail & Consumer Entrepreneurship machte. Seine größte Unternehmung ist die Design Network GmbH in Wien und Innsbruck, die er 2018 mit seinem Vater gründete. Die strategische Design- und Beratungsagentur konzentriert sich auf die Möbel- und Einrichtungsbranche. Das Team sieht Design nicht nur als kreative, sondern auch als strategische Disziplin – denn auch Prozesse, Strukturen und Abläufe gehören in einer gewissen Form „designed“. Ziele: Schaffung wirkungsvoller Marken, Entwicklung zukunftsweisender Strategien und Auffinden trendbezogener Lösungen.

 

Zwischen analog und digital

Menschliche Überzeugungskraft ist auch im digitalisierten Handel entscheidend. Analoges und Digitales funktionieren oft nur gemeinsam, ist Gastautor Lorenz Kilga überzeugt.

 

Von Lorenz Kilga

 

Derzeit wird zumindest ein Großteil der Digitalisierung noch von Menschen gedacht, entwickelt, gesteuert und verwendet. Spannend wird es aber, wenn der Mensch nicht mitdenken muss und sich die Technik selbst entwickelt. Eine gute oder eine schlechte Entwicklung? Sei mal dahingestellt. Aber allein schon das Bewusstsein darüber gilt als Fundament der Veränderung. Für viele Unternehmen gilt die Digitalisierung als Beginn von etwas Neuem und das Loslassen von Altem.

 

Zwei Entscheidungen, die oft klein, oftmals groß, aber meistens nicht einfach sind. Rasche Veränderungen und neue Herausforderungen prägen die Entwicklung in der Möbel- und Design-Branche. Mit Bestehendem kennen wir uns aus, aber Neues wirkt oft bedrohlich, weil wir das, was auf uns zukommt, nicht einschätzen können. Genau dieses Thema beschäftigt unsere strategische Design- und Beratungsagentur Design Network. Für das Vermeiden der Risiken und das Nutzen der Chancen bieten wir eine klare und strukturierte Prozessbegleitung für unsere Kunden. Dabei sehen wir Design nicht nur als kreative, sondern auch als strategische Disziplin. In den vergangenen Jahren ist uns eines dabei aufgefallen: Wir kommen immer wieder auf das Thema Mensch zurück – denn eines ist klar, Menschen kaufen von Menschen, gerade in einer Branche, die oftmals Dinge verkauft, die man nicht zwingend braucht, sondern oftmals einfach haben will.

 

Vergisst man bei der Digitalisierung das Analoge?

 

Zurück zur Digitalisierung und der sich zukünftig selbst entwickelnden Technik: Ist das gut? Nehmen wir ein einfaches Beispiel – Sätze, die Ihnen wohl bekannt vorkommen: „Vielen Dank, dass Sie unsere Website besuchen, möchten Sie sich zu unserem Newsletter anmelden und mehr über uns erfahren?“ Ein anderes Beispiel: „Wenn Sie jetzt gleich kaufen, bieten wir Ihnen einen Extra-Rabatt an.“ Oder: „Wenn Ihnen dieses Produkt gefällt, dann könnten auch diese Produkte in Frage kommen.“ Oder: „Jetzt bestellen und Gratis-Lieferung und Montage erhalten.“

 

Genau diese Formulierungen befriedigen unsere digitalen Bedürfnisse, stammen aber meist aus menschlicher Feder. Doch genau diese menschliche Überlegungskraft fehlt zunehmend im stationären Handel. Vielleicht hat der Fokus auf die Digitalisierung dazu geführt, dass wir einige Sachen einfach verlernt haben?

 

Oft sprechen wir mit unseren Kunden über Digitalisierung, nach innen wirkend oder nach außen wirkend. Sehr oft kommen wir dabei gemeinsam drauf, dass die Grundlage der Digitalisierung der analoge Prozess ist, die Abfolge von Abläufen und die Einhaltung von Standards. Der klassische „Ach-ja-genau-Moment“. Was ich damit sagen möchte, ist, dass digital und analog oftmals näher beisammen liegen, als wir denken, und dann nur Hand in Hand funktionieren. Ein klassisches Beispiel dafür ist der Ropo-Effekt (Research online, purchase offline) Das Phänomen des Ropo-Effekts stellt Unternehmen vor die Herausforderung, eine Brücke zwischen den Marketing- und Vertriebskanälen online wie offline schlagen zu müssen, um von deren Wechselwirkungen profitieren zu können.

 

Dies gilt nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Denn es geht um Bedürfnisse und einen Nutzen, der diese Bedürfnisse befriedigt. Hier können wir sehr von der Digitalisierung profitieren. Denn digital sind wir darauf angewiesen, schnell und einfach auf den Nutzen aufmerksam zu machen, dies funktioniert analog oftmals nicht so gut. Somit können wir festhalten, dass die Digitalisierung an sich eine menschliche Innovation ist. Diese Innovation hängt aber sehr stark vom analogen Verständnis des Menschen, der Beschaffenheit eines Unternehmens in seiner Struktur, ab. Denn natürlich können wir beispielsweise über das Thema Metaverse sprechen, eine der derzeit größten digitalen Innovationen. In vielen Fällen wäre dies jedoch eine impulsive Selbstannahme, die Eindruck, Ausdruck und somit spontane Handlungen mit sich bringt. Die Antwort liegt in der Selbsteinschätzung und in der Überlegung, ob und wie Digitalisierung richtig eingesetzt werden kann. Diese Frage muss individuell und für jedes Unternehmen einzeln gedacht, überlegt und entschieden werden.

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