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Der Gigant baut sich um

Ein sehr persönlicher Blick auf den chinesischen Markt

28.10.2021 | 13:36

Nicht allein aufgrund seiner Bevölkerungsgröße ist China für europäische Unternehmen ein Markt mit Potenzial. Das bevölkerungsreichste Land der Erde entwickelt sich seit Jahren zu einer Konsumgesellschaft. Die dortige Mittelschicht könnte bis 2030 fast ein Viertel des weltweiten Konsums ausmachen, so die Prognosen.

 

Tim Langerock lebt seit mehreren Jahren in China. Im Januar 2012 besuchte er Shanghai das erste Mal für zwei Wochen, im April des gleichen Jahres zog er nach China. Langerock: „Ich sage immer: Wer zufällig gekommen ist, bleibt. Wer unbedingt wollte, hält meist nicht lange durch.“ Zunächst als Unternehmensberater, dann als Geschäftsführer und jetzt beim global agierenden Würth-Konzern in China als Head of Division Wood angestellt, ist Langerock weit in China, in Asien insgesamt und in der Welt herumgekommen. Für INSIDE gibt er einen sehr ausführlichen Einblick in Land und Leute, ins Arbeitsleben und in die Welt der Unternehmer.

 

Von Tim Langerock

 

Es gibt vieles, wofür China kritisiert werden kann und muss. Darauf soll nicht der Fokus dieses Artikels liegen, es aber auch nicht verheimlichen. Dieser Beitrag soll einige Einblicke in weniger kommunizierte Lebensbereiche geben, offenkundige Widersprüche darlegen, die die Probleme der heutigen Generation betreffen, und nicht zuletzt eine sehr persönliche Schlussfolgerung wagen.

 

Was unterscheidet China von anderen Ländern?

 

China hat massiv in seine Infrastruktur investiert. Das ist ein großer Unterschied zu Indien. Beide Staaten - sollte man meinen - sind mit dem gleichen Potenzial gestartet. China war lange die „Werkbank der Welt“ und hat extrem dazugelernt. Auch andere Länder in Asien haben dies getan, das aber nicht kapitalisiert. Für China ist der Binnenmarkt ähnlich wie in den USA das Powerhouse, der Mittelpunkt des Wachstums. China hat es geschafft und den Wohlstand für jedermann schrittweise erhöht. Was in Europa 150 Jahre dauerte, wurde in China in gut 40 Jahren gestemmt. Diese Geschwindigkeit hat natürlich auch Spuren hinterlassen - in den Familien und bei den einzelnen Personen, die sich ständig neu anpassen mussten.

 

Hauskauf und Familie

 

In Shanghai kostet eine rund 100 qm große Neubauwohnung, eine U-Bahn-Stunde vom Stadtkern entfernt, etwa 5 Mio RMB (umgerechnet 640.000 Euro). Der eigentlichen Wohnfläche werden der Balkon oder auch Fensternischen zugerechnet. Beworben werden also 105 bis 120 qm. Wer kaufen will, muss an bestimmten Auktionstagen zum Immobilienbüro neben der Baustelle und dort eine Kaution von etwa 200.000 RMB hinterlegen. Es entscheidet das Los. Wird der Gewinner benachrichtigt, muss er mit dem Abschluss schnell sein. Mit dem Vertrag unterschreibt man eine Hypothek bei einer Bank. Bei monatlicher Tilgung und einer Laufzeit von 20 Jahren fallen monatlich 15.000 RMB Kosten an. Das entspricht etwa dem Durchschnittsgehalt eines Büroangestellten in Shanghai mit einigen Jahren Berufserfahrung. Zwei weitere Lohnbeispiele: Ein Taxifahrer, der täglich 300 bis 400 Kilometer unterwegs ist, verdient 6.000 bis 8.000 RMB; ein Express-Kurier mit Motorrad oder E-Scooter („KuaiDi“) kann als arbeitsamer Lieferant am Ende eines Monats auf 8.000 bis 12.000 RMB kommen.

 

Wird eine Immobilie fertig entwickelt dem Käufer übergeben, befindet sich die Wohnung noch im Rohbau. Es müssen bestimmt noch einmal mindestens 300.000 bis 500.000 RMB investiert werden, um Klimaanlage, Bodenbeläge und Beleuchtung sowie Badezimmer und Küche einzubauen und Möbel, Elektrogeräte und weitere Einrichtungsgegenstände anzuschaffen.

 

Bei einem Angestellten mit frischem Universitätsabschluss liegt das Gehalt bei 5.000 bis 6.000 RMB im Monat. Vor einer Eheschließung sind ein Haus bzw. eine Eigentumswohnung nach wie vor ein beliebtes Auswahlkriterium bei der Partnerwahl – meist der Elterngeneration, wobei es die jüngere Generation ohne die Unterstützung der Eltern eigentlich gar nicht schaffen kann, die Last eines Immobilienkaufs etc. zu stemmen. Eine gleich große Wohnung im Zentrum, dem inneren Autobahnring von Shanghai, kostet derweil zwischen 13 und 21 Mio RMB (2,2 Mio Euro noch ohne Renovierung). Eine Wohnung zu mieten ist einfacher und flexibler, wenn auch nicht unbedingt billiger, wenn man zentral wohnen möchte. Eine Stunde Entfernung von Tür zu Tür wird akzeptiert und gilt als nahes Wohnen am Arbeitsplatz.

 

Zur „Erstausstattung“ bei der Hochzeit gehört auch nach wie vor das Auto. Wer ein Auto hat oder plant, eines zu kaufen (Kosten für einen in China produzierten VW Passat: 360.000 RMB zuzüglich 100.000 RMB für ein Nummernschild nach Lotterie-Wartezeit), kann noch einen festen Stellplatz dazukaufen oder muss die tägliche Parkplatzgebühr bezahlen und eine freie Stelle auf dem Gelände suchen. Spannenderweise geben viele Chinesen in den Städten an, ihr Auto gar nicht oft zu nutzen. Es ist weder schneller noch billiger als öffentliche Verkehrsmittel. Für Parkhausgebühren fallen teilweise 20 bis 40 RMB/Stunde an. Da ist der Kinofilm mit 40 RMB der billigere Teil des Abendprogramms, das Essen im Restaurant mit Getränk schlägt mit 120 bis 220 RMB pro Person zu Buche.

 

Das schnelle Geld

 

Das Leben ist teuer. Eine Lösung wäre schnelles Geld, zumindest vordergründig. So kommt es, dass die Idee des Entrepreneurship – selbst ein Geschäft zu eröffnen – ein Hype geworden ist. Die wenigsten schaffen es, die meisten aber, ohne sich extra noch zu verschulden. Start- Up Finanzierung ist durch staatliche Programme und sogenanntes „Angel-Capital“ recht einfach zu bekommen. Ein Beispiel: Ein Coffeeshop auf der Yongkang Lu in Shanghai lässt den Kaffee durch ein Loch in der Wand von einer Bärentatze servieren. Bestellt wird online durch das Scannen eines Bar-Codes. Der Laden brummt, zwei Ordnungshüter sind im Einsatz, unzählige Bilder von dem Spektakel sind auf Social- Media zu finden. Klar ist, das ist ein zeitlich begrenzter Hype, bald kommt ein Neuer. Cafés gibt es in Shanghai und überall in China genügend, Trends locken oftmals Trittbrettfahrer an. Etwas vereinfacht gesagt geht es darum, mit dem eigenen Geschäftsmodell durch außergewöhnliche Konzepte Aufmerksamkeit zu erzeugen, natürlich fruchten nicht alle Ideen. Diese Low-Budget- Start-Ups sind zu unterscheiden von solchen, die mit viel Geld in die Gründung gehen.

 

Ein gängiges Vorgehen beim Start in die Selbstständigkeit ist auch, dass Mitarbeiter nach ein paar Jahren im Unternehmen das Geschäftsmodell kopieren und es mit einem eigenen individuellen Touch versehen oder eine Marktnische entdecken. Diese Geschäftsneugründungen sind meist von aggressivem Marketing geprägt. Das mehr oder weniger gleiche Produkt wird zu einem niedrigeren Preis angeboten. Kurzfristig ist eine gute Margenausschöpfung möglich, da z.B. die Verwaltungskosten des neuen Unternehmens im Vergleich zur etablierten Marke deutlich kleiner sind. Sind mehrere Wettbewerber etabliert und Masse erreicht, fallen die Preise schnell. Für das Unternehmen, das das Produkt ursprünglich eingeführt hat, bedeutet das, dass es doppelgleisig fahren muss: Es muss einen Hype erzeugen, was je nach Produkt kurzzeitig viel Geld verschlingt. Gleichzeitig braucht es aber auch nachhaltiges Marketing, um Kundschaft langfristig zu binden. Chinesische Kunden sind neugierig und probieren gerne neue Dinge aus, also muss in der ersten Phase das Produkt gut sein (zu 85 Prozent durchentwickelt). Wer die zweite Phase erreicht, in der durch persönliche Weiterempfehlungen weitere Neukunden hinzukommen, hat seine Stammkundschaft aufgebaut. Die Neuauflage des Produktes muss deutlich mehr Nutzen haben (95 Prozent entwickelt und mit umfassendem Serviceangebot ergänzt). Die Kosten hierfür sind aber extrem. Bis zum Return- of-Investment (ROI) kann einige Zeit vergehen.

 

ROI in wenigen Monaten

 

Die chinesische Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär handelt von demjenigen, dem es gelingt, Wohnung oder Haus und Auto zu kaufen, zu heiraten und ein Kind zu bekommen, das auf eine gute Schule geht. Eigentlich immer damit verbunden sind Social-Media-Plattformen, die beim Erzeugen des Hypes geholfen haben, um den Traum von viel Geld zu verwirklichen. Das Café auf der Yongkang Lu oder auch DJI, der Hersteller, der die Drohne marktfähig und international populär gemacht hat, sind nur zwei Beispiele. Fun-Fact: China hat 2016 das Zünden von Feuerwerk in großen Städten verboten, aber auch die großen Staatsfeuerwerke wurden abgeschafft. Heute sind es atemberaubende Drohnenshows, die nachts den Himmel erleuchten. Teilweise kreieren hunderte Drohnen Bilder, Emojis, Textzüge oder sogar bewegte Animationen. Eine Zukunftstechnologie wird binnen weniger Jahre gefördert und dann genutzt, um unter anderem Umwelt- und Gesundheitsrisiken zu reduzieren.

 

In der Unternehmenswelt ist es üblich, erst zu investieren und dann Geld mit dem Produkt zu verdienen, um die Investition abzuzahlen, aber auch um neue Forschung zu betreiben. In China aber spielt auch der Staat eine entscheidende Rolle. China arbeitet an gigantischen Infrastrukturprojekten wie der „Neuen Seidenstraße“. Es entsteht der Eindruck, dass bei vielen Unternehmen (teils selbst Staatsunternehmen) das Geld unerschöpflich ist, um solche Projekte zu stemmen.

 

Soll im realen Markt ein neues Produkt platziert werden, sei es auf den klassischen Kanälen oder durch Direktvertrieb im Internet, braucht es einen klaren Nutzen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Bei Standardprodukten ist der Preisvorteil oft das einzige nachhaltige Argument für den Kunden. Die Falle: Unternehmen investieren also, um das Produkt zu verkaufen, in Marketing, aber nicht in Entwicklung und hoffen auf eine positive Marge durch Volumen. Ein gefährliches Spiel. Ein chinesisches Unternehmen kann so agieren, wenn es gute Beziehungen zum Staat hat oder der Markt für dieses Produkt noch nicht gesättigt ist, es also auch noch kaum Qualitätsansprüche gibt. Ein ausländisches Unternehmen sollte von dem Geschäft die Finger lassen, denn Loyalität gibt es kaum. Bringt ein neues Unternehmen ein noch billigeres Produkt auf den Markt, kann das geplante Volumen nicht mehr erreicht werden, der ROI bleibt aus. In diesem Punkt bringt auch das neue Handelsabkommen zwischen der EU und China keine Verbesserung, denn dieser Punkt wurde völlig ausgeblendet. Das Abkommen wurde aus einer europäischen Sichtweise heraus verfasst und greift diese Marktdetails nicht auf. Hier geht es vor allem um den Schutz geistigen Eigentums.

 

Anforderungen an den Arbeitgeber

 

Deutliche Unterschiede zu Europa gibt es auch im Personalbereich. Bei einem Einstellungsgespräch gab vor einiger Zeit eine Bewerberin an, 22.000 RMB im Monat zu verdienen. 8.000 RMB waren Basisgehalt, und der Rest setzte sich aus Kommission für die verkauften Produkte und Bonuszahlungen zusammen. Die Kommission war auf Verkaufszahlen basiert, die Bonuszahlungen auf Neukundenanlage. Ein Umsatzziel gab es nicht. Wurde ein neuer Kunde angelegt, wurden x RMB gezahlt. Kaufte der Kunde tatsächlich, konnte die Verkäuferin zusätzlich an der Kommission verdienen. 60 Prozent des Gesamtverdienstes sollen Bonus und Kommission gewesen sein, im Monat legte sie etwa zwei neue Kunden an. Die Zahlung pro neu angelegtem Kunden musste also etwa 2.500 RMB sein. Eine aggressive Marketingstrategie! Die Rechnung schien uns aber immer noch nicht richtig, denn der Umsatz von etwa 200.000 RMB/Monat (25.000 Euro), rechtfertigte nicht das Gehalt. Doch wir wurden weiter verblüfft: Das Unternehmen, ein chinesischer Hersteller für Silikone für die Bau- und Autoindustrie, zahle weder Steuern noch Sozialabgaben. Sie damit auch nicht. Gehalt, Kommission und Bonus wurden per WeChat oder cash bezahlt. Der Arbeitnehmersteuersatz hätte bei ca. 20 Prozent gelegen, die Unternehmensabgaben bei weiteren 14 Prozent. Als wir unser Gehaltsmodell vorstellten, war klar: Es ist keineswegs interessant für sie. Im Durchschnitt würde ein Verkäufer im Markt 32.000 RMB (rund 4.000 Euro) brutto verdienen. Das ausschlaggebende Argument war am Ende, dass ihr Gehalt während einer Schwangerschaft weitergezahlt würde und der Job danach garantiert wäre, denn sie war um die 30 Jahre, eine äußerst schwere Zeit für Frauen einen neuen Job zu finden. In China wird offen danach gefragt, wann eine Frau ein Kind bekommen will und dementsprechend eingestellt oder auch entlassen, da sie ja als Arbeitskraft ausfällt.

 

Fazit: Drei Perspektiven

 

Der Turbokapitalismus im kommunistischen System China hat viele Parallelen mit unseren westlichen kapitalistischen Demokratien. Natürlich sind aber auch die vielen Unterschiede unverkennbar. Das große China wird gelenkt, Europa oder die USA regulieren sich überwiegend selbst. „China steht an einem Wendepunkt – auch lokale Unternehmen wollen mehr Mitspracherechte haben.“ Die Diskussionen um „9:9:6“ (arbeiten von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends an 6 Tagen die Woche) oder auch Privatisierungs-/Verstaatlichungsbemühungen zeigen dies deutlich. Beide gingen aus von dem Internet- Giganten Alibaba oder der Ant-Group, sind aber auch im Kleineren zu sehen.

 

Mitarbeiter bekommen mehr Rechte im Unternehmen, werden Anteilseigner usw. China ist verschuldet: auf staats-, unternehmens- und privater Ebene. Anders als in den USA ist die Verschuldung von Privatpersonen aber fast ausschließlich in der Tilgung der Immobilie begründet, einem realen Produkt. Man könnte es auch als Spareinlage verstehen. Eine Immobilienblase wird zwar immer angeprangert, doch der Staat wird alles daransetzen, diese nicht platzen zu lassen. Unternehmen verhalten sich zunehmend rücksichtslos. Wer einen Namen hat, meint machen zu können, was er will, staatsgleich agieren zu können. Die Staatsunternehmen leben von Aufträgen, die so groß sind, dass es sich lohnt, neue Fabriken dafür zu bauen – zum Beispiel für alle Polizisten im Land gelbe Warnwesten zu produzieren. Nur wenige Unternehmen wissen von solchen Aufträgen wie auch von der Mülltonnenproduktion, kurz bevor die neue Mülltrennung in vier verschiedenfarbige Mülltonnen eingeführt wurde. Jeder Haushalt, jedes Büro, jeder Block benötigte diese Tonnen binnen Monaten.

 

China stellt sich grundsätzlich langfristig auf und kann das voraussichtlich auch noch eine ganze Weile so tun, da es sich in Schlüsseltechnologien strategisch unabdingbar gemacht hat, vor allem aber, da es einen enorm hungrigen Binnenmarkt hat. Als ausländisches Unternehmen fällt es schwerer, dieser Dynamik und den Regeln im Markt zu folgen, weil wir auch die unserer Heimatländer mitspielen müssen. Zu Recht – zum Beispiel das neue Lieferkettengesetz. Gehaltsmodelle wie das oben beschriebene sind auch in China illegal. Für ein chinesisches Unternehmen ist es unwahrscheinlich, aufzufliegen, wenn eine gewisse Größe nicht überschritten wird.

 

Ich höre viele Beschwerden über mehr Regeln im Markt. Und tatsächlich werden gerade in den letzten Monaten massive Umwälzungen vorangetrieben, wie man an der Rückabwicklung des Börsengangs der Ant-Group sehen kann, an den Gerüchten um die Zerschlagung des Bezahlanbieters Ali-Pay oder auch an der Umstrukturierung des nachschulischen Bildungsangebots, einer boomenden Branche. Treiber ist der Staat, aber die Veränderungen bieten auch für westliche Unternehmen neue Möglichkeiten.

 

Meine Erfahrungen aus vielen Jahren in China, Asien und der Welt: Grundsätzlich sind die Menschen arbeitswillig, fleißig und wissbegierig, wollen eine Perspektive und Planbarkeit, um die Probleme, Ziele und Träume im Alltag/Leben zu lösen beziehungsweise zu erreichen. Hier sind ausländische Unternehmen sehr gefragt, weil sie Sicherheit geben, weil sie viel träger sind als lokale Firmen. Für mich machen die Widersprüche und die Struktur der Unternehmen den Reiz aus, den wir als Wissenserweiterung ansehen. Sich auf die Wege in China einzulassen, gedeckt von unseren Strukturen, hat Potenzial, damit wir langfristig Erfolg haben. Wachstum kann für internationale Unternehmen nicht so rasant sein wie in lokalen Unternehmen. Das muss es aber auch nicht. Denn die größte Wachstumschance liegt noch immer in der Nachhaltigkeit. Die Nischen Qualität und Innovation sind immer noch gefragt, und hier liegt auch unser Vorsprung. Doch den müssen wir auch halten und uns nicht nur über Unterschiede beschweren und uns auf der Vergangenheit ausruhen.

 

China wird auch kurz- bis mittelfristig kein Markt, auf dem Geld für die Finanzierung von Forschung und Innovation in Europa oder den USA verdient wird. Der chinesische Markt ist ein Absatzmarkt für Quantitäten. Wer lokal Forschung und Entwicklung betreibt, kann seinen Fußabdruck in China signifikant vergrößern und auch Gelder für Investitionen eintreiben, aber in anderen Größenordnungen und mit anderem Fokus. Wer die Lieferkette verkürzt und weiter optimieren kann, sodass ein Produkt in Produktion, Lager, bei der Lieferung bis zum Kunden durch so wenige Hände wie möglich geht, kann weitere Kostenersparnisse erzielen. Wer dann noch ein Serviceangebot hat, um den Kunden nachhaltig zu begeistern und loyal zu halten, kann sich in China mittel- bis langfristig gut aufstellen. Die „längste Werkbank der Welt“, nämlich China, ist erwachsen geworden. Das Thema heute ist Supply-Chain.

 

Demografie

 

China steuert rasant auf eine Überalterung der Gesellschaft zu. Dagegen scheint die Regierung jetzt deutlich vorgehen zu wollen. Die Liquidität von Privatpersonen soll verändert werden, Denkweisen angepasst und Priorisierungen erzeugt. Ein Beispiel: Ein junger Mann mit einem durchschnittlichen Job soll weniger am Computer spielen, mehr ausgehen, eine Freundin finden und heiraten (ohne den Druck des Immobilienkaufs), Kinder bekommen (bis zu drei Kinder sind jetzt erlaubt) und auf diesem Weg viel konsumieren und reisen. Das Bild der Frau soll verbessert werden, so dass auch sie nach der Geburt eines Kindes Karriere machen kann. Die Frau soll konsumieren, vor allem rund ums Kind, gesunde Ernährung und Erholung/Lifestyle. Politisch muss man allerdings dazu sagen, ist das Bild der Frau eher ein sehr konservatives, trotz aller vordergründigen Modernisierungen.

 

In China waren Investitionen von Privatpersonen bislang gleichbedeutend mit dem Kauf einer Immobilie. 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden direkt oder indirekt durch die Bau- und Immobilienindustrie erwirtschaftet, etwa 20 Prozent der Arbeitnehmer sind in ihr beschäftigt oder mit ihr verbandelt. In absoluten Zahlen ist das ein gigantisches Volumen. Etwa 90 Prozent der Familien besitzen (Stand 2018) bereits eine Immobilie und es wird massiv weiter gebaut. Sackt die Nachfrage einmal ab, können die Verschuldung und das schneeballähnliche Geschäftsmodell in der Industrie zum Problem werden. Mit Kundenanzahlungen werden Kredite bedient und neue Projekte finanziert. Ebben die Anzahlungen ab, entsteht eine Situation wie bei Evergrande – Zahlungsunfähigkeit. Die Regierung wird dem Käufer einer Wohnung Rückzahlungen wohl genehmigen. Ob das Unternehmen als solches oder die Industrie gestützt wird, ist offen. Durchaus denkbar, dass die Regierung als deutliches Signal eine Abwicklung von Evergrande passieren lässt und die Schulden in der Wirtschaft verkraftet werden müssen.

 

Tendenz ist, neben den traditionellen Themen mit Haus und Kind auch andere Investmentmöglichkeiten für Privatmenschen zu fördern und eine neue Säule im Wachstumsmarkt China zu etablieren. In China zu leben ist auf jeden Fall ein Privileg, wenn man Erfahrungen und Einschätzungen aus erster Hand selbst haben will.

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