Trends, Must-Sees und Talk-Abouts
Ein Rückblick auf M.O.W. und Meile
„Es herrschte große Aufregung im Vorfeld. Dann ging es los, und plötzlich war alles wie immer – trotz der Umstände.“ Nicht nur Area30-Macher Michael Rambach wirkte in den Tagen in OWL sichtlich entspannt. Frohe Gesichter überwogen. Gemecker über die Maßnahmen gab es kaum, auch wenn der Messetag wie bei Nobilia oder Poggenpohl schon mal routinemäßig mit einem Teststäbchen in der Nase begann.
Klar gab es auch Skurrilitäten: Wer hätte vor zwei Jahren gedacht, dass auf einer Möbelmesse mal Ordnungsamt und Zoll überprüfen, ob Gesichtsmasken getragen werden oder dass Besucher mit gefälschten Impfpässen nach Hause geschickt werden (hoffentlich Einzelfälle). Entlang der Möbelmeile, der Küchenmeile oder auf der M.O.W.: Die Stimmung war überall recht gut. Zwar entwickeln sich die Felder, auf denen der Gesamtmarkt spielt, höchst uneinheitlich. Vor allem die SB-Fraktion hat Probleme. Im SB- und Discountmöbelhandel schweben teilweise irre Minuszahlen durch den beginnenden Möbelherbst. Sogar die Zahl -40 Prozent hörte man da mal.
Doch was will man in der aktuellen Lage, die so schlecht nicht ist, wirklich klagen. Zwar schimpft jeder über Preise und Lieferzeiten. Massive Preiserhöhungen sind überall das Thema, auch im Möbel- und Küchenmarkt. Wie sagte es zum Beispiel Polipol-Boss Marc Greve: „Es wird teurer, auch Möbel werden teurer, das liegt auf der Hand.“
So ist das wohl. Vor allem an der Möbelfront kann man die Messe gerade wirklich als ein Abtasten bezeichnen. Was ruft der eine für einen Preis auf? Welchen der andere? Die Handelskunden machten teilweise große Augen auf den Ständen ihrer Lieferanten. Vieles wurde dann auch gar nicht klassisch und reflexhaft hardcore zu Ende verhandelt. Man muss sich neu finden. Denn man braucht sich ja auch.
Auf der Möbelmeile waren die Aussteller recht happy über den Besuch. Endlich wieder Messe – das sagte einem auch fast jeder, den man in Bad Salzuflen oder im Informa-Zentrum traf. Und man traf wirklich wieder viele. Sogar zu den Möbelherstellern verirrten sich wieder ein paar mehr Einzelkunden. Und das ist die eigentliche Botschaft. Das Interesse am gemeinsamen Geschäft, mit allen Hürden, Barrieren und Problemen, es wächst wieder. M.O.W.-Chef Bernd Schäfermeier ging recht guter Dinge durch die gefüllten 17 Hallen, in denen knapp über 400 Aussteller standen. Und das, obwohl ein Zugpferd wie Cotta/Steinpol in diesem Jahr erstmals mit eigenem, 7.000 qm großen Showroom in Herford stand und in der Polsterhalle viele Quadratmeter frei machte.
Viele Onliner, alle Verbände, zahlreiche Kommissionen. Auch Edgar Inhofer lief mit seiner Mömax-Truppe bereits über die Messe. Marc und Manfred Ostermann drehten eine Extrarunde. Aus der Schweiz war der verbandslose Roger Märki mit Frau und Team angereist. Neu-VME-Gesellschafter Albert Türklitz fuhr durch Ostwestfalen, Sonja Krieger kurvte ebenso von Küchenmeile bis M.O.W., Florian Segmüller mit Einkaufschef Armin Weigand, Way-fair-Chef Niraj Shah und viele mehr. Endlich mal wieder Messe.
Schon zu Mitte der Messewoche konnte man auch entlang der A30 sagen, dass die Besucherzahlen überwiegend zufriedenstellten, auch wenn sie logischerweise nicht das Niveau des letzten „normalen“ Jahres 2019 erreichten. Viele Händler reisten einfach mit weniger Personen, so dass die Zahl der Firmen, die die Messen besuchten, gar nicht mal so stark sank. Auch waren mehr internationale Besucher unterwegs, als man vielleicht erwartet hätte. Bei Häcker in Rödinghausen waren rund 5.000 Besucher während der Messetage angemeldet, immer 400 im Vormittagsslot und 400 im Nachmittagsslot. Mehr Anmeldungen konnte man entsprechend des mit dem Gesundheitsamt Herford abgestimmten Gesundheitskonzeptes nicht annehmen. Um 14 Uhr wurde der Häcker-Showroom dann immer einmal komplett geputzt und desinfiziert und durchgelüftet ohne Besucher drin. Dann ging es um 14.30 Uhr weiter.
Überthema Nachhaltigkeit
Dass Schwarz das neue Weiß ist, wissen wir nun schon seit ein paar Jahren. Dieser Hype hält sich hartnäckig in den Küchenausstellungen. Weitere Trends in der Küche: Outdoor-Kochen, Sprudel- und Heißwasserarmaturen, farbliche Abstimmung von Materialien, Retro-Chic, Gold und Kupfer, Regale, Regale, Regale, Nischenregale, Licht (wie bei Pronorms I-luminate oder Ballerina mit der Nimbus-Kooperation) und viele Natur- und Recyclingmaterialien – von der Lavendelrückwand bei Rational über die Recyclingglas-Keramikverbund-Arbeitsplatte Xtra Ceramic bei Nobilia bis hin zur kunststofffreien Küche bei Beeck mit Linoleum-Fronten oder der klimafreundlichen Küche bei Häcker. Überhaupt wurde Nachhaltigkeit von vielen groß aufgehängt, ob mit Nachhaltigkeitspreisen oder Zertifikaten. Nur ein weiteres Beispiel: Rotpunkts FSC-Zertifizierung.
Anti-Fingerprint ist vom Endverbraucher gefragt. Muss man haben, auch wenn die Materialien teils so wenig fettfrei bleiben wie bügelfreie Hemden tatsächlich bügelfrei sind. Bei den E-Geräten hat sich in der Front der Glasanteil weiter erhöht, während Edelstahl zurückgeht. Das Design wird noch zurückhaltender, Displays bleiben im ausgeschalteten Zustand unsichtbar. Muldenlüfter sind für Gerätebauer zum Muss geworden, werden teils aber auch nur deswegen mit angeboten, weil man halt Vollsortimenter ist. Und im Armaturen- und Spülenbereich? Da ist es groß angesagt, zum Systemanbieter zu werden. Promotet Blanco als Vorreiter ja schon seit Längerem und kommt auch beim Handel gut an.
Selbstbewusst ins Wohnen
Nach ein paar Jahren des zaghaften Annäherns als „Ergänzung“, die vor allem im Export gefragt sei, haben einige große Küchenbauer nun beschlossen, beim Thema Wohnen Volldampf zu machen. Als „wichtigstes Thema“ wurde das Wohnen gar bei Schüller bezeichnet. Nolte in seinem neu eröffneten Forum und Nobilia haben fürs Living eigene Flächen vorgesehen, vorkonfigurierte Sets zusammengestellt, mit denen nicht nur Küchen-, sondern auch Wohnen-Verkäufer etwas anfangen können.
In Rödinghausen oder bei Schüller wurde dem Thema Wohnen deutlich mehr Platz und Raum geboten. Und auch mancher Wohnen-Einkäufer aus dem Möbelhandel reiste in diesen Tagen über die Meile. Sagen wir so: Es sieht nicht mehr nach umfunktionierten Küchenmöbeln aus, was in den Living-Kojen der Küchenmöbler steht. Der Druck auf die Wohnmöbler steigt.
Das Thema Smart Home – früher mal ureigenes Thema der Geräteindustrie – findet inzwischen auch bei den Küchenherstellern statt. Auch wenn es noch immer Küchenmöbelbauer gibt, die es lieber ignorieren, sind da auch diejenigen, die das vernetzte Heim groß aufziehen. Zu Letzteren gehört Nobilia. Gemeinsam mit Samsung will man das Thema einfach umsetzbar und damit marktfähig machen. Auch Naber arbeitet mit Samsung im Bereich Vernetzung zusammen.
Schüller hat sich Christian Hartmannsgruber und Kimocon als Partner gesucht (dazu mehr im INSIDE Spezial Zulieferindustrie, das mit dem INSIDE 1122 Mitte Oktober versandt wird). Bei Pronorm in Vlotho war die „digitale Arbeitsplatte“ Steuerbar zu Gast, das jüngste Projekt des Innovationsnetzwerks Ambigence mit dem Kunststoffverarbeiter Coko aus Bad Salzuflen. Smart-Home-Anwendungen in der Küche und anderswo im Haus lassen sich über eine individuell belegbare Steuerung an der Arbeitsplatte bedienen.
Bemerkenswert: Start-ups sind in der Branche angekommen und werden ernst genommen. Was kann die Küchenbranche von Start-ups lernen, wurde in diesen Tagen häufiger gefragt als umgekehrt. Schließlich ist jeder auf der Suche nach innovativen Lösungen, die begeistern. Noch stärker als früher haben Holz-, Geräte- und Zubehöranbieter das Thema Service herausgestellt. In Zeiten, in denen die Anspannung der Kundschaft aufgrund von Lieferzeiten und Preisanhebungen zunimmt, wenigstens ein Zeichen. Preise, ja, die sind ein Riesenthema. Hoch einstellige Preiserhöhungsforderungen sind in keinem Bereich eine Seltenheit.
Sex, Crime und Alno
Gesprächsthemen entlang der A30: Häckers neue Rasterküche Concept130, die Luxusküchen von BT45 im IDF34 mit Gimmicks wie Waffenschrank und „Spielzimmer“ (als Alternative zum Hauswirtschaftsraum) und natürlich der Kauf der Marke Alno durch Arndt Vierhaus, den wir am Messedienstag melden durften.