„Seit zehn Jahren hohe Verluste“
Büromöbel-Riese Haworth schließt Produktion in Deutschland
Die Haworth GmbH, deutsche Tochter eines der weltweit größten Büromöbelkonzerne, schließt ihre Tisch- und Korpusmöbel-Produktion im niedersächsischen Bad Münder und verlagert sie zusammen mit Teilen der Verwaltung bis zum zweiten Quartal 2022 an Haworth-Fertigungsstandorte in Frankreich, Portugal und zu einem Auftragsfertiger nach Polen. Funktionen im Verwaltungsbereich sollen in den europäischen Shared-Service-Centern in Lissabon und Budapest zentralisiert und Standardprozesse damit effizienter gestaltet werden. Als Grund für diese Maßnahme nennt das Unternehmen ein „sich wandelndes und sehr wettbewerbsintensives Marktumfeld“. Die Neue Deister-Zeitung (NDZ.de) erfuhr zudem, das in Bad Münder gefertigte Sortiment sei in der Nachfrage „seit Jahren konstant rückläufig“ gewesen, man rechne mit weiteren Umsatzverlusten. Geradezu abenteuerlich klingt die Mitteilung: „Die Haworth GmbH fährt schon seit gut zehn Jahren hohe Verluste ein.“ Offensichtlich waren diese zu verschmerzen, weil der Konzern weltweit in über 120 Ländern 7.500 Mitarbeiter beschäftigt und 2019 rund 2,3 Milliarden Dollar umsetzte.
Der amerikanische Büromöbelriese wagte sich zum ersten Mal nach Europa, als er 1988 in Ahlen den Stuhlhersteller Comforto übernahm. Im März 1999 folgte der nächste, noch größere Schritt, Haworth schluckte die einst soliden Mittelständler Dyes, Röder, ArtCollection und Nestler. Von ihnen trennte sich der Bodenbelagskonzern DLW, als er merkte, dass sein Ausflug in die Büromöbelbranche brachte nicht die gewünschten Erfolge brachte. Für Haworth in Deutschland liefen die Geschäfte offensichtlich etwa eine weitere gute Dekade entlang erfolgreich. Doch dann wurde 2014 das ehemalige Dyes-Werk in Ahlen geschlossen und die Produktion nach Bad Münder verlegt, wo 2010 ein für damalige Verhältnisse hochmodernes Korpuswerk entstanden war. Die Haworth GmbH verfügt also über einschlägige Erfahrungen mit Produktionsverlagerungen.
Dass in diesem damals als „modernes, europäisches Korpusmöbelwerk“ bezeichneten Standort in Bad Münder jahrelang Verluste eingefahren wurden, spricht nicht gerade für erfolgreiches Management. Immerhin hatte Haworth 2012 vom Konkurrenten Steelcase den Top-Manager Henning Figge abgeworben, der inzwischen für die europäischen Haworth-Geschäfte verantwortlich zeichnet. Jetzt erklärt die Unternehmensleitung: „Neue Großaufträge und die Zusammenarbeit mit Auftragsfertigern“ hätten zwar einen wichtigen Beitrag geleistet – reichten jedoch nicht aus, „um die Produkte wettbewerbsfähig am Standort herstellen zu können“.
Man habe für Bad Münder auch „andere strategische Optionen“ untersucht – die hohen Fixkosten führten jedoch dazu, dass die Weiterführung des Standortes „bereits heute wirtschaftlich nicht sinnvoll“ sei. Außerdem erfuhr NDZ.de von Geschäftsführer Christian Ennenbach: „Eine nachhaltige Fortführung der Produktion am Standort Bad Münder kann aus unserer Sicht auch in Zukunft nicht mehr erreicht werden. Es ist sehr bedauerlich, aber wir sehen keine andere wirtschaftlich tragfähige Lösung als eine Verlagerung.“ Nun wolle man mit dem Betriebsrat „in Kürze“ über das weitere Vorgehen sprechen.