„Ein Weiter-so wird es nicht geben“
EMV-Händler sortiert alle Möbel über 60 kg aus
EMV-Händler Siegfried Reichenberger aus dem Berchtesgadener Land hat eine Entscheidung getroffen, die finanziell wehtun kann: Er verabschiedet sich in seiner Ausstellung von allen Möbeln und Möbelteilen, die mehr als 60 Kilogramm wiegen. Und nimmt dafür in Kauf, dass sein Angebot teurer wird.
„Ich werde wahrscheinlich Aufträge an den Wettbewerb verlieren, aber vielleicht Mitarbeiter gewinnen.“ Siegfried Reichenberger ist überzeugt, längerfristig auf das richtige Pferd gesetzt zu haben. So überzeugt, dass er zum Lobbyisten geworden ist. Zum Rückengesundheits- Lobbyisten. Ein kleines Pamphlet zum Richtungswechsel ging nicht nur an die Presse. Auch Verbandskollegen, Verband und Berufsgenossenschaft sind informiert: „Unsere Branche muss in der Montage nachhaltiger werden. Deshalb führe ich bei uns im Haus die Aktion ‚60 kg STOP’ ein. Aber es nützt nichts, wenn nur wir das machen.“
Auch mit den Vertretern von Lieferanten will Reichenberger das Thema jeweils besprechen. Ansätze, Möbel leichter und durch kleinere Elemente auch leichter händelbar zu machen, gibt es schon lange. Richtig durchgesetzt haben sie sich – vom Vorreiter Ikea und speziellen Online-Programmen mal abgesehen – nie. Steckbeschläge für Polstermöbel oder Leichtbauplatten liegen wie Blei in den Regalen. Totschlagargument ist wie so oft in der Möbelwirtschaft: der Preis. Und den haben bislang – auch bei Möbel Reichenberger in Ainring – die Mitarbeiter in der Auslieferung gezahlt. „In den letzten zwei Jahren sind bei uns fünf Mitarbeiter in Rente gegangen. Es ist eine Mammutaufgabe, die zu ersetzen.“ Reichenberger hat auch mal selbst ausgeholfen. „Da weiß man, was sie leisten“, sagt er.
Vorrang soll künftig haben, langjährige und erfahrene Mitarbeiter gesund zu halten und bis zur Rente zu beschäftigen. Reichenberger: „Es sind alle in der Branche gefordert, um mehr Nachhaltigkeit bei der Montage zu erreichen: Designer, Produzenten, Logistiker, Einkaufsverbände, Medien, Handel und vor allem die Chefs in den Handelsunternehmen. Denn sie sind zuständig für die Unversehrtheit ihrer Mitarbeiter. Ich kann es meinen Mitarbeitern und mir nicht mehr zumuten, Sofas, Anrichten, Schränke, Schrankklappbetten, Ausziehtische, E-Geräte, Arbeitsplatten, die über 60 Kilogramm wiegen, zu schleppen. Diese müssen bei Neubauten über Sandhaufen getragen werden oder durch kleine Treppenhäuser. Ein Weiter-so wird es nicht geben!“ Und: „Ich lade jeden, der anderer Meinung ist, ein, mit mir auf Montage zu fahren.“ Bei Möbel Reichenberger fliegen nun nach und nach alle Möbel raus, die sich nicht einfach zerlegen lassen oder im Ganzen über 60 Kilogramm wiegen. Auch schwere Kommoden oder massive Schränke müssen zerlegbar sein.
Bei Polstermöbeln sieht das in der Praxis so aus, dass größtenteils nicht die Werbeware zum Vorzugspreis platziert werden kann, sondern aus den Typenlisten der Programme kleinere Elemente ausgewählt werden. „Wir nehmen dann nicht das Rieseneckelement, sondern ein Spitzelement und Anbauelemente.“ Zwischen 150 und 400 Euro teurer könnte die Garnitur dadurch werden. Im Verkauf habe sich die Begeisterung daher auch in Grenzen gehalten, sagt Reichenberger. Aber dann müsse man halt dem Endkunden gegenüber argumentieren. Erklären, dass es nicht nur bei der Lieferung, sondern auch beim nächsten Umzug oder beim Umräumen einfacher wird. Dass sein Haus in der Region mit Lutz, Kika/Leiner, Ikea Salzburg oder Weko konkurriert, schreckt den EMV-Händler nicht ab. Mit 50 Mitarbeitern und 4.000 qm gehört er zu den Unternehmen mit der höchsten Flächenproduktivität der Branche. Ein kleiner Segmüller sozusagen. Möbel Reichenberger hat auch eine eigene Schreinerei, die bei 70 Prozent der Aufträge involviert ist.