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Spezial Neue Ideen

Ein Gespräch mit Materialscout-Gründerin Efrat Friedland

„Es gibt keine guten oder schlechten Materialien“

Efrat Friedland ist Gründerin von Materialscout und Mitgründerin von Positive Plastics. Die Produktdesignerin beschäftigt sich seit über 25 Jahren mit Materialien und deren Einsatz in der Industrie. Ende April moderierte sie ein Panel auf der renommierten Konferenz „Rethinking Materials“ in London. Mit Materialscout berät sie Unternehmen branchenübergreifend bei Auswahl, Entwicklung und Beschaffung von Materialien – von recycelten Lösungen bis hin zu neuen Verarbeitungstechnologien. Ihre Rolle beschreibt sie selbst als „Match Maker“ zwischen Materialinnovationen und Industrie. Mit Positive Plastics wirbt sie für einen differenzierteren Blick auf Kunststoffe und zeigt, wie recycelte Materialien sinnvoll eingesetzt werden können.

efrat friedland quer

INSIDE: Mailand inszeniert sich jedes Jahr wieder als Zentrum für Design und Innovation. Wieso warst du nicht dort?

Efrat Friedland: Weil ich dort wenig Neues sehe. Es ist sehr viel Inszenierung. Man läuft durch die Ausstellungen und hat das Gefühl, Produkte immer wieder zu sehen – nur in anderen Farben oder Formen. Neue, innovative Materialien werden zu wenig gezeigt. Alles wirkt sehr glamourös, aber aus Materialsicht passiert dort zu wenig.

Was fehlt dir dort konkret?
Der Ursprung des Produkts. Die Auseinandersetzung mit Materialien. Ich erwarte von Designern, dass sie sich mit den aktuellen Herausforderungen der Wirtschaftskrise und der Klimakrise auseinandersetzen, doch stattdessen entwerfen sie weiterhin für die Privilegierten, die in ihrer eigenen Blase leben.

Ihr arbeitet mit Designern großer Unternehmen aus verschiedenen Branchen sowie mit Designagenturen zusammen. Welche Muster erkennst du bei deiner Arbeit?
Materialien werden zu spät gedacht. In vielen Unternehmen wird über das Material erst ganz am Ende entschieden – nachdem Produkt und Design längst feststehen. Das ist der falsche Ansatz. Denn das Material bestimmt alles: CO2-Footprint, Lebensdauer, Recyclingfähigkeit und Kosten. Wenn diese Entscheidung nicht am Anfang getroffen wird, kann man später nur noch optimieren. Man läuft hinterher und kann nichts Grundlegendes mehr verändern.

Produkt-Design sollte also vom Material her gedacht werden.
Absolut. Und nicht nur vom Material selbst, sondern vom gesamten System dahinter. Es gibt kein Produkt, das aus nur einem Material besteht. Eine Kaffeemaschine setzt sich aus vielen Materialien zusammen, die miteinander funktionieren müssen. Deshalb bringt es wenig, von „dem nachhaltigen Material“ zu sprechen. Entscheidend ist, wie Materialien kombiniert, verarbeitet und am Ende wieder getrennt werden können.

Die Debatte wird oft moralisch geführt – als gäbe es gute und schlechte, nachhaltige und nicht nachhaltige Materialien.
Wichtig zu verstehen ist: Es gibt keine schlechten Materialien, sondern schlechte Anwendungen und schlechte Systeme. Kunststoff ist dafür ein gutes Beispiel. Das Material hat enorme Eigenschaften und ist in vielen Anwendungen sinnvoll. Das Problem ist nicht das Material selbst, sondern der Umgang damit.

Wie stehst du zu Kunststoff?
Ich sehe viele Vorteile. Wir werden nicht in einer Welt ohne Kunststoff leben können. Plastik hat tolle Eigenschaften, die wir auch in Zukunft nutzen werden. Deshalb habe ich auch die Firma Positive Plastics gegründet. Aber wir sollten in einer Welt leben, in der Kunststoff nicht mehr im Müll oder in der Umwelt landet. Dafür müssen wir die Systeme ändern.

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Also geht es am Ende vor allem um Recycling?
Zirkularität wird oft mit Recycling gleichgesetzt. Das stimmt so nicht. Es geht um Systeme: um Rückführung, Ownership und Verantwortung. Wer ein Produkt herstellt, sollte sich auch dafür verantwortlich fühlen, was mit den Materialien am Ende passiert. Und der Hersteller sollte die Kontrolle über die verwendeten Materialien behalten.

Kannst du ein Beispiel nennen?
Heute kauft der Kunde einen Stuhl – und damit auch die verarbeiteten Materialien. Genau das ist das Problem. Der Kunde kann mit den Materialien nichts anfangen. Sie sollten im Idealfall wieder beim Hersteller landen. So kann der Kunde das Produkt am Ende der Nutzungsdauer zurückgeben, und der Hersteller die wertvollen Materialien erneut einsetzen und daraus neuen Umsatz generieren.

„Wer Materialien strategisch nutzt, kann sich klar differenzieren und als Marke herausstechen."


Funktioniert das heute schon in der Praxis?
Ja, es gibt Beispiele. Bosch Power Tools hat Kunststoffgehäuse aus alten Geräten gesammelt, recycelt und daraus neue Produkte gefertigt. Das zeigt: Die Technologien sind da – sie werden nur noch zu wenig genutzt.

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