Ein Einwurf aus der Mitte des Marktes
Gute Gestaltung ist nicht optional
Von Larissa Sarjeant
Über die Autorin
Larissa Sarjeant ist Managing Director der Haworth Germany GmbH. Das Thema Design, von Mode bis Möbel, bestimmt ihre berufliche Karriere seit über 20 Jahren. Vor Haworth leitete sie die Designmöbel-Institution Classicon in München.
Salone del Mobile in Mailand und Milan Design Week, 3daysofdesign in Kopenhagen und nach einem mutigen Auftakt im vergangenen Jahr die Munich Design Days. City-Messen à la MDD muten an wie gut choreographierte Design-Shows. Nicht stickige Messehallen, sondern elegante Villen oder trendige Industrieflächen, die man sonst nicht zu sehen bekommt, bereiten die imposante Bühne für Neuheiten und Klassiker. Von Krise scheint bei den großen Events der Designwelt wenig zu spüren zu sein – wir gehen alle gern hin und schauen auf Neues, Spannendes, gut Gestaltetes in angenehmer Atmosphäre.
Wieso aber ist gutes Design in vielen deutschen Möbelhäusern trotzdem eine Randerscheinung? Gerät das Design im täglichen Kampf um Umsatz und Ergebnis vielleicht allzu oft in den Hintergrund? Dabei ist gute und innovative Gestaltung doch eigentlich das Herzstück allen produzierenden Gewerbes – das, worum es im Kern geht.
Denn liegt nicht im Design der Schlüssel zum Erfolg, immer noch und immer wieder?
Gewiss, Erfolg hängt von vielen Faktoren ab. Aber gerade in Krisenzeiten lohnt es sich, die einzelnen Stellschrauben unter die Lupe zu nehmen. Natürlich ist „gutes Design“ und was es ausrichten kann, nicht leicht zu definieren. Wer entscheidet? Was passt zur Marke? Oft verhandeln hierüber CEO, externe Designerinnen und Designer und die interne Designabteilung dauerhaft. Das ist ein Kraftakt, der nie endet.
Erfolgreiche Marken investieren hier mindestens so viel Zeit wie in ihre Budgetprozesse, Zielgruppenanalysen, CRM-Tools und Marketingkampagnen. Das lohnende dabei: Wenn die Designphilosophie und -strategie klar ist, entsteht auch in vielen anderen Bereichen Klarheit. Denn es geht dabei ja bekanntlich um mehr als Ästhetik. Es geht um den Kunden und seine Bedürfnisse. Diese wandeln sich stetig.
Das preis- und leistungsorientierte Ikea-Konzept war eine Innovation der Nachkriegsjahre. Marken von Vitra bis Minotti blühten auf, als Wirtschaftswunder und eine wiedergefundene Offenheit für fremde Ästhetiken eine wunderbare Symbiose entwickelten. Die berühmten zehn Thesen für gutes Design von Dieter Rams gelten heute genauso wie damals. Dabei muss aber die Priorisierung überdacht werden. Nachhaltigkeit muss sich heute in sämtlichen Bemühungen um Funktion, Intuitivität und Innovation widerspiegeln. Das ist ein Muss, keine Option.
Ehrliches Design meint daher auch Langlebigkeit – sei es durch Materialien, Verarbeitung oder zeitlose Ästhetik. Mein Plädoyer: Beschäftigen wir uns mit den jeweils spezifischen Gegebenheiten unserer Marken, mit ihrer Designhistorie und ihrer Vision. Die eigene, zeitgemäße Designidentität ist ein fortlaufender Prozess, der sich mit kulturellen, wirtschaftlichen und geopolitischen Rahmenbedingungen wandelt. Wer sich damit nicht befasst, riskiert seine Relevanz beim Kunden und verpasst einen der schönsten und lohnendsten Aspekte der Arbeit in unserer Branche.