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Der 8. INSIDE Branchen-Gipfel

Momente der Wahrheit

15.05.2026 | 13:43
Woanders ist auch scheiße: Dirk von Gehlen

Die Nachlese läuft. Im besten Fall nimmt jeder Gast etwas anderes mit von den Tagen in München. Von zwei Gipfel-Tagen auf der Theresienhöhe mitten in der Stadt. Von der Tour auf den Gipfel, mit der wir in der Branche versucht haben, ein Zeichen gegen den ewigen Krisen-Talk zu setzen. Ein Zeichen für Energie und Tatendrang, ein Zeichen für Demut vor den Herausforderungen, ein Zeichen gegen zu viel Selbstgewissheit, ein Zeichen für gegenseitiges Verständnis, für Momente der Wahrheit.

Viele in der Küchen- und Möbelbranche schauen zu oft auf den Wettbewerb. Sie schauen auf das, was andere machen, aber nicht auf die Kundin und den Kunden. Die Branche beschäftigt sich mit sich selbst, zieht mit dem nächsten Zusatzservice und kostenlosen Irgendwas hinterher. Nicht weil es das immer braucht, sondern weil Wettbewerber das anbieten. Man kopiert zu oft die Ideen, die laufen. Der Markt hat in den letzten Jahren Volumen verloren. An den Rändern entstehen neue Lösungen, die Kundinnen abziehen und anders bedienen. Auf Social Media sind sowieso alle gleich, die Großen und die Kleinen.

Der nächste Gipfel kann eigentlich nur unter dem Motto stehen: radikaler Fokus auf die Menschen, die die Möbel dann auch kaufen sollen, weil sie Bock drauf haben. Und das haben sie nur, wenn die Branche Bock auf Kunde hat. So werden wir kuratieren, so werden wir ein Programm bauen, das direkt an den Erkenntnissen des 8. INSIDE Branchen-Gipfels ansetzt – und genau dort weitermachen, wo wir aufgehört haben.

„Bock auf Kunde“ – so hieß der Impuls von Shoplupe-Gründer, E-Commerce-Experte und Marktforscher Johannes Altmann am Gipfel-Mittag. In unseren Augen ein Eyeopener, ein wegweisender Impuls, den wir hier nicht nacherzählen für Nicht-Gipfel-Teilnehmer. Wir fassen aber gerne eine der zentralen Botschaften Altmanns zusammen, die der Shoplupe-Gründer vom Schliersee aus Fokusgruppen-Gespräche mit 100 Kunden mitgebacht hat nach München: Je mehr die Branche auf das vermeintliche Allheilmittel der Stil-Welten setzt (am besten noch mit KI-generierten Bildern), desto mehr wird sie ihre Kundinnen und Kunden verlieren. Diese suchen, meint Altmann, keine Stil-Welten, sie suchen Lösungen, die in die jeweilige Lebensphase passen. 

Es gab noch mehr Momente der Wahrheit auf dem Gipfel. Es wurde offen gesprochen. Den ewigen PR-Sound in jeder Kommunikation hat uns das Gipfel-Tanzorchester um den Geiger Radek Stawarz aus der Halle gepustet. Ein ganz zentraler Moment der Wahrheit: Bora-Gründer Willi Bruckbauer stellt sich auf die Bühne und spricht über Fehler der Vergangenheit, auch über seine Fehler. Und zwar nicht so, wie viele gerne über Fehler sprechen, die am Ende gar keine waren. Wie oft hat man so was gehört. Am Ende ist das nur langweilig. Bruckbauers Vision vom neuen Bora, das er im Herbst in Herford zeigen will, wurde so viel klarer. 

Bruckbauer sprach einfach ehrlich über seine vergangenen Jahre und zeigte, welche Kraft in offenen Worten steckt. Mit dem immer gleichen und glattgebügelten Sound, mit wolkiger PR und fantastischen Erfolgsgeschichten erreicht man heute nicht mehr viel.

Die Zeiten haben eben auch was Gutes. Relevanz ist das neue Stichwort. Sie macht den Unterschied. Und sie entsteht, wenn man sich selbst auch mal zurücknimmt, sich selbst nicht zu ernst nimmt. In Erinnerung bleiben wird uns deshalb, wie die beiden Smow-Gründer Jörg Meinel und Michael Petersen ihre Story komplett ohne Eitelkeit, mit viel Humor und ganz viel Wahrheit über so manche Hochnäsigkeit im Premiummarkt rübergebracht haben. Erfolg entsteht über Teamplay, das gute Zusammenspiel verschiedener Fähigkeiten und viel Leidenschaft. Und über die Bereitschaft, zu sich selbst ehrlich zu sein. Dazu gehört dann auch das Eingeständnis, dass man sich in der ewigen Dauerkrise in diesem Markt vielleicht nicht zu leid tun sollte.

Dirk von Gehlen, Leiter des Think-Tanks der Süddeutschen Zeitung, hat uns am Ende von Tag 1 auch deshalb dankenswerterweise daran erinnert, dass es woanders auch so richtig scheiße ist. Das hat sich natürlich jeder gemerkt. Von Gehlens eigentliche Botschaft fassen wir mit diesem Dreiklang zusammen: Nieder mit der Perfektion. Ohne hybrides Denken kann man in der neuen Zeit nicht weiterkommen. Und ohne Demut schon gleich gar nicht.

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