Stern im Süden
Heute startet die Sicam in Pordenone
Mit den genauen Zahlen hat es Carlo Giobbi nicht so. Klar, Carolina und Michele Giobbi, die junge Giobbi-Garde, die kann es jederzeit genau vorrechnen. Wie viele Quadratmeter exakt gebucht sind, wie viele Aussteller ganz genau auf der Sicam im schönen Pordenone vom 18. bis 21. Oktober stehen werden. Carlo Giobbi sagt es am Cellulare, also an Carlo Giobbis wichtigstem Arbeitsgerät, dem Handy, zwischen den Aufbauarbeiten so: „Wir sind bis zum letzten Quadratmeter voll, wir haben auch wieder ein paar Quadratmeter aufgestockt. Es sind fast alle wieder da, ja, es sind sogar große und wichtige Firmen da, die wir noch nie auf der Sicam hatten.“
Carlo Giobbi, der Signore mit dem ganz speziellen italienischen Ich-lese-meinen-Ausstellern die-Wünsche-von-den-Lippen-ab-Gen, hat mit seinem Team nicht viel falsch gemacht in den für Messebetreibern so harten letzten Jahren. 2020 ist die Sicam ausgefallen, 2021 kam sie stark zurück.
2022 ist Corona immer noch da, aber die Sicam ist eben wieder ausgebucht, sogar die neue Halle (also eher das neue Zelt) wurde komplett belegt. Zurück sind auch viele bekannte Namen, mal nur durch die deutsche Brille betrachtet: Blum, Kesseböhmer, Grass, Rehau, Impress, Interprint, Renolit, Elektra und einige mehr. Die Westag kommt zum ersten Mal. Schattdecor, Vauth-Sagel, Ninka, Agoform und Egger nach dem Comeback im vergangenen Jahr auf der Sicam auch jetzt wieder. Hettich und Salice fehlen.
17.000 qm sind belegt. Und Giobbi erwartet, wie sollte es anders sein, Besuch aus der ganzen Welt. Weniger aus Asien, klar, kaum jemanden aus Russland, auch klar, aber aus dem Rest der Welt, da werden sehr viele kommen. Im vergangenen Jahr waren Besucher aus 93 Ländern in Pordenone. Die Stadt war auch abends stimmungsvoll gefüllt. In diesem Herbst sind es dann wohl Besucher aus stolzen 130 Ländern, die anreisen.
So kündigt es sich zumindest an. Vom Flughafen Venedig fahren die Shuttlebusse, auf dem Messegelände gibt es ein weiteres Restaurant und erstmals auch eine elektronische Chipkarte, die man sich mit einem QR-Code am Eingang ausdrucken muss, kann, soll. Giobbi: „Das ist jetzt die etwas nachhaltigere Variante als früher.“
Die Messe findet in schwierigen Zeiten statt. In Italien einmal mehr. Zwar lief hier das Küchen- und Möbelgeschäft in diesem Jahr noch recht gut. Das lag aber auch an einem unfassbaren Förderprogramm, das als „Superbonus 110%“ für Bau- und Renovierungsmaßnahmen die Baukonjunktur ankurbelte und vor nahezu jeden Palazzo von Sizilien bis nach Südtirol ein Baugerüst pflanzte. Die im Frühsommer torpedierte und beliebte Regierung von Mario Draghi hatte den „Superbonus“ für Ende 2022 auf Stopp gesetzt. Aus dem Hut gezaubert hatte das Programm einst Draghis Vorgänger. Wie auch immer. Es läuft Ende des Jahres aus. Eine neue Regierung ist gewählt.
Ihr wurde nun aber auch erstmal der Gashahn aus Russland abgedreht. Die Lage ist kompliziert, die Stimmung wird nun auch im Süden, nach einem Sommer in Italien, der den Tourismus in neue Rekordhöhen trieb, schlecht. Pierluigi Zamó, Inhaber des größten italienischen Frontenherstellers Ilcam, prognostiziert für seinen Frontenriesen zum Start ins neue Jahr einen Volumenrückgang um 20 bis 30 Prozent. Damit liegt Zamó in der Prognose auf dem Niveau der Zuliefergrößen nördlich des Brenners. Oder eines Handelsriesen wie Ikea. Eine andere italienische Größe aus der Zulieferindustrie, Stefano Saviola von Mauro Saviola, verweist in diesen Tagen auf eine sich gerade neu abzeichnende Perspektive, in der das Förderprogramm „Superbonus“ zumindest für Möbel für 2023 vielleicht sogar nochmal verlängert wird. Das wäre für die italienische Möbelindustrie der Hit – andere sagen: die Rettung.