Am besten lieber vorwärts
Die Chancen eines Local Heros
Bernd Spilger hat im Haupthaus in Obernburg vieles neu gemacht, den Onlineshop des VME mit seiner Ausstellung so gut es geht synchronisiert, seit Jahren am Thema Energie gearbeitet und nun auch eine neue Würschtelbude vor dem Haus. Gerade wurde der Sparmaxx drei Kilometer weiter komplett umgebaut. Von Discount bis Rolf Benz: Spilger ist der Prototyp eines in der Region fest verwurzelten Local Heros, der sich selbst zutraut, durch die Krise zu kommen.
„Am Ende musst du nah genug an deinem Geschäftsmodell sein.“ Bernd Spilger steht in seinem neuen Sparmaxx in Großwallstadt und führt seinen Besucher durch die deutlich luftigere und für einen Discounter geradezu freundliche Ausstellung. Keine Zwangswegeführung mehr, kein aufdringlicher SB-Warendruck, sogar eine Küchenabteilung mit viel Pino, Express Küchen und Nobilia gibt es hier nach wie vor: Auf 6.000 qm haben Spilger und sein neuer Mitarbeiter in der Geschäftsleitung, Pedro Duarte (Vertrieb, Einkauf, Marketing), in den vergangenen Monaten alles neu gemacht.
Der Sparmaxx in Rodgau wurde 2018 geschlossen. Der in Großwallstadt ist jetzt frisch. Bei laufendem Betrieb wurde umgebaut. Ein Tedi kommt als Untermieter noch rein, der Parkplatz soll nochmal verschönert werden. Ansonsten steht der neue Sparmaxx jetzt so da, wie es in Spilgers Augen sein soll. Alle klagen grad über die Geschäfte im Preiseinstieg, melden Discountflächen ab. Spilger hat seine neu gemacht. Und sagt: „Ich bin mir sicher, dass wir hier in der Region Bedarf haben, in allen Zielgruppen, auch in Zukunft, wir müssen unser Angebot nur attraktiv genug gestalten.“ Und wenn es dann beim Sparmaxx ein Schrank von, ja, von Rauch in der Ausstellung ist, der im absoluten Preiseinstieg für 179 Euro andere Sparmaxx-Lieferanten wie Bega schlägt, dann wundert sich selbst Spilger, wie günstig so ein Schrank sein kann. „Und das ist kein Minischrank“, sagt er. 120 x 197, Dreitürer, Artisan. Lagerware.
Seit Jahresbeginn ist Duarte (Schwind Home Company, Schmidt Küchen) bei Spilger am Start. Den kaufmännischen Part in der Geschäftsleitung stemmt Harald Enzmann (Finanzen, IT, Personal, Logistik & Kundenservice). Spilger ist in allen Details selbst tief drin. Er steht auch mal um 5.30 Uhr in der Früh neben seinen Lageristen an der Rampe. Und er hört sich die Sprachnachrichten der Kunden, die diese immer öfter zu irgendwelchen Anfragen per Mail an Spilger schicken, auch selbst an. Spilger hat Bock auf sein Geschäft, das er jeden Tag macht, hat man den Eindruck. Zumindest nimmt man ihm ab, wenn er sagt, dass man als mittelständischer Händler eben nah dran sein müsse am eigenen Geschäftsmodell. Es wird viel geklagt in diesen Tagen. Da tut ein Besuch bei Spilger irgendwie gut. Er klagt nicht. Ja, alles nicht so leicht, aber auch eben nicht hoffnungslos. Die Spilger-Mannschaft beschäftigt sich mehr, so wirkt es zumindest, mit dem eigenen Angebot und den Wünschen der Kunden als mit Untergangsphantasien.
Wir sind mittlerweile im Haupthaus in Obernburg. Fassade außen, Gehsteig rund ums Haus, alles neu. Sogar die Würschtelbude vor dem Eingang ist kein Wagen mehr, sondern jetzt eine Holzhütte, die etwas Charme hat. Eine DHL-Packstation hat Spilger angedockt. Frequenz ist in diesen Tagen alles, der, der sein Paket hier zurückschickt und dabei noch ein neues Besteckset mitnimmt, oder der Kunde, der zwar nicht ins Haus kommt, aber eine Mail schreibt – oder eben die Sprachnachricht schickt. Spilger: „Das ist doch auch Frequenz. Wir müssen aufhören, nur zu zählen und uns daran aufzuhängen, wer durch die Türe geht bei uns.“
Spilger, lange bei Union und dann im Tross rüber zu VME, kommt immer wieder auf seinen Verband, bei dem er sich wohlfühlt. Preislagen, die dort ausgehandelten Konjunkturpakete bis ins nächste Jahr rein, er komme gut zurecht, sagt Spilger. Die Krise, die vielleicht ganz schlimm wird, sie schreckt Spilger nicht. „Wir kommen da durch. Und dann geht`s weiter“, sagt er. Sein Motto: Investieren in der schwachen Marktphase, dann frisch am Start sein, wenn es wieder losgeht. Wir gehen gerade durch die neue Enjoy-Fläche. Früher hätte man sie Junges Wohnen genannt. Spilger: „Was ist denn Junges Wohnen heute? Es ist alles nicht mehr so klar zu trennen. Enjoy sind unsere eher trendigen Sortimente, eins unter dem Konventionellen. Hier kommt auch mal der Kunde, der von Kopf bis Fuß tätowiert ist, aber eben auch der junge Studienrat.“ Set one by Musterring steht hier viel, auch in Kombination mit Kare („Kare und Set one in der Partnerschaft, das war eine top Geschichte“, sagt Spilger), noch viel, aber nicht mehr ganz so viel wie früher Hülsta now.
Wir gehen die Stockwerke hoch, trinken einen Espresso. Spilger führt seine digitalen Steelen vor, die seit einem Jahr installiert sind. Hier kann der Kunde alle Infos abrufen, sogar in den Onlineshop switchen. Auf der Fläche sind immer mehr Möbel mit QR-Codes ausgestattet, die den Besucher direkt mit Infos versorgen – oder auch in den Onlineshop lotsen. Das ist der VME-Shop, klar, aber die Angebote sind synchronisiert. Und wenn der Preis mal nicht genau übereinstimmt? „Dann reden wir mit unseren Kunden, das ist doch nicht so schwer“, sagt Spilger. Die Abrundung nach oben, die bilden auf den 40.000 Spilger-Quadratmetern in Oberburg Erpo und Rolf Benz im Wohnen, Decker und Leicht in der Küche. „Auch diese Kunden haben wir hier. Auch wenn Rolf Benz mittlerweile schon sehr teuer ist“, sagt Spilger.
Besonders stolz ist Spilger darauf, dass sie in Obernburg früh auf zeitgemäßes Energiesparen gesetzt haben. Seit dem Jahr 2007 wurde da investiert, in PV, Speicher, Spannungsreduktionsanlagen, flächendeckende LED-Beleuchtung, moderne Heizungs- und Lüftungstechnik, ein Blockheizkraftwerk, eine neue effiziente Gebäudeleittechnik und ähnliche Themen. Fast 3 Mio Euro sind in den vergangenen Jahren in diese Maßnahmen geflossen. Vor allem wurde aber die ganze Kraft des Energiesparens antrainiert. „Wir haben innerhalb von sieben Jahren unseren Stromverbrauch halbiert. Und das ohne einen Komfortverlust im Unternehmen zu spüren. Mit unserer eigenen PV-Anlage produzieren wir zudem 73 Prozent unseres Strombedarfs selbst. Wir waren hier früh aktiv, heute können wir froh sein. Ich will uns hier nicht zu sehr auf die Schulter klopfen, aber das ist für mich vorausschauendes unternehmerisches Handeln.“ Das würde er sich, sagt Spilger, auch von anderen wünschen, die nun an der Preisschraube drehen, auch weil ihre Stromrechnungen so explodieren. Letzte Frage: Kommt man als Local Hero durch? Oder denkt man jede Nacht an einen möglichen Verkauf an Lutz? Spilger lächelt: „Ich habe Lust auf das, was ich tue. Wir haben alle die Chance, gute Geschäfte zu machen, auch in der Zukunft. Wir arbeiten doch in einer tollen Branche.“