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Für alles eine Schublade

Ein Besuch bei Raumprobe

25.04.2022 | 11:12

Neue Materialien für ein Produkt? Eine vielleicht altbewährte Lösung für eine neue Fragestellung? Fragen gibt es gerade viele rund ums Stressthema Material: In Stuttgart sorgt die Materialdatenbank und -Ausstellung Raumprobe dafür, dass Entwickler und Designer fündig werden.

 

Innerhalb von 15 Jahren kommt schon was zusammen: Hannes Bäuerle war schon während des Innenarchitektur-Studiums einer der „Sammler“, die zahlreiche Muster diverser Materialien zusammenstellten. Im Jahr 2005 machte er sich zusammen mit dem Architekten Joachim Stumpp in Stuttgart mit Raumprobe selbstständig. Raumprobe ist zum einen eine Materialdatenbank, Ausstellung für Materialien und Beratungsdienstleister. Zugleich ist man Austausch- und Diskussionsforum. Wer Mitglied im Club wird, hat für etwa 100 Euro Jahresbeitrag Zugriff auf alle relevanten Informationen. „Wir möchten kleinen Architekturbüros ebenso offenstehen wie großen Auftraggebern. Und, so bringen wir ganz unterschiedliche potenzielle Partner zusammen“, sagt Bäuerle. Braucht es solche Vermittler?

 

Ganz offenbar ja: Von Jahr zu Jahr gibt es mehr Interessenten. Und ebenso häufig kommen neue Materialproben an, die katalogisiert und geprüft werden wollen. Kurze Texte informieren zu den Punkten Materialität, Anwendung, Produkt sowie den formalen, sinnlichen und mechanischen Eigenschaften.

 

Zigtausende Möglichkeiten

 

Es sind weit über 50.000 Materialproben zusammengekommen. Oder, um es mit Bäuerle zu sagen: Zigtausende an Möglichkeiten. „Material ist ein Möglichmacher“, fasst Bäuerle seine Passion für das Thema zusammen. Inzwischen hat sein Team die wohl größte Sammlung hierzulande zusammengetragen. Das Modell der Raumprobe: Ausstellung, Datenbank, Vorträge wird nun auch zu einer Material-Akademie erweitert. Und das Thema wird – davon kann man fest ausgehen – nun nochmal deutlich mehr Gewicht bekommen. Das Thema Material steht aus vielerlei Gründen im Fokus – vom Preis über die Suche nach Alternativen bis hin zu neuen Fragen der Nachhaltigkeit.

 

Jede der erfassten Proben hat eine siebenstellige Codenummer zur Identifizierung. Im vor drei Jahren bezogenen neuen Standort in der Stuttgarter Dieselstraße sind diese auf zwei Stockwerken und etwa 2.000 qm Ausstellungsfläche verteilt. Kamen in der Anfangszeit vor allem die Kreativen, haben sich in den letzten Jahren auch Hersteller überzeugen lassen und stellen ihre Materialien aus. Ob Sonae Arauco, Homapal, Westag, der Flooring-Spezialist Wineo oder Pfleiderer: Alle sind hier mit eigenen Lösungen vertreten. Neben großen Anbietern nimmt Raumprobe aber auch kleinere Firmen auf, die vielversprechende Materialien anbieten. Aus aller Welt stammen die Proben. Die mit der Nummer 18271-02 stammt aus Schweden von Zellstoffspezialist Södra. Der produziert in seinem Werk in Värö etwa200 Kilogramm schwere Ballen eines Biokomposits, das aus Holzfasern und dem Biopolymer PLA (Polymilchsäure) besteht und unter dem Namen DuraPulp vertrieben wird.

 

Wo der Holzwerkstoff besonders gut genutzt werden kann (Innenanwendungen), Informationen zum Abrieb, etwaige Klassifizierungen nach Brandschutzklassen oder in welcher Materialstärke (2 mm) das kratzfeste Material daherkommt: All das ist schnell recherchierbar. Auch, dass nach PEFC und FSC zertifiziertes Holz zur Herstellung von DuraPulp genutzt wird, ist sofort erkennbar. Ähnliche Stoffe zeigt die Datenbank ebenso an. Hier gibt es für jedes Material eine eigene Schublade, einen eigenen Schubkasten. „Natürlich sind unsere digitalen Daten wichtig – aber Raumprobe kann man dann am besten nutzen, wenn man vor Ort recherchiert“, sagt Bäuerle. Wenn der Raumprobe-Erfinder einem die Ausstellung zeigt, merkt man auch sehr schnell, warum. Denn Bäuerle ist nicht nur der visuelle, sondern auch der haptische Typ. „Wie sich die Oberfläche genau verhält, wie Farben wirken, wie sich eine Kombination aus verschiedenen Materialien anfühlt: Dafür muss man sich Zeit nehmen, das muss man erfahren.“ Neben allen Gewerken, die am und um den Bau arbeiten, den Zulieferern und Herstellern, sind auch Kunden aus der Möbelindustrie Stammkunden in Stuttgart. Und – na klar – auch die im Ländle starke Automobilindustrie und deren Zulieferer sind häufig zu Gast. „Die suchen und erfinden oft neue Werkstoffe, die dann auch in anderen Anwendungen auftauchen, etwa Carbon.“

 

Nachhaltig und Unbedenklich

 

Nicht immer werden bei Raumprobe neue Fasern oder Kunststoffe in die Kartei aufgenommen – auch altbekannte Materialien bekommen hier ihren Platz. Oder solche, die deshalb neu sind, weil sie einen hohen Anteil an recycelten Stoffen haben. „Nachhaltigkeit, das ist ein Trend, den wir hier seit Jahren erleben. Und die Nachfrage nach solchen Lösungen hat sich in den letzten Monaten noch verstärkt“, sagt der Innenarchitekt. Ein weiterer Trend, der vor allem zu Beginn der Covid-Pandemie stark war, waren Materialien mit antibakteriellen oder antiviralen Eigenschaften.

 

„Aber mit dem Thema unbedenkliche Materialien, das allein ist schon ein großes Feld. Leider ist es eben noch nicht selbstverständlich, überall Materialien einzusetzen, die für Menschen und Umwelt unbedenklich sind“, sagt Bäuerle. Allein 150 Materialien aus diesem Bereich haben seine etwa zehn Mitarbeiter und er zur Schau „Gesunde Materialien“ zusammengestellt, die auf der Architect@Work gezeigt wird, der jeweils zweitägigen Innovationsschau für Architekten, die auch in Deutschland durch verschiedene Städte tourt. Mit Architekten, deren Kammern oder Innenarchitekten ist Raumprobe seit jeher gut vernetzt. Das zeigt sich auch beim sogenannten Materialpreis. Der hat mal ausnahmsweise nichts mit hohen Stückkosten zu tun, sondern ist der jährlich ausgelobte Preis der Raumprobe. In geraden Jahren, wie dieses Jahr, werden Materialien prämiert. Hersteller, Industrie, Entwickler, Hochschulen und Forschungseinrichtungen können teilnehmen. In ungeraden Jahren wird die Anwendung von Materialien in gebauten Projekten ausgezeichnet. Zu den 19 Ausgezeichneten im Jahr 2021 gehörte ein Projekt im Senegal. Das Büro Manuel Herz Architekten hatte ein Material gewählt, das auf den ersten Blick wenig spektakulär klingt: Zement-Lochstein. Das Besondere an diesem Bau, der zu den prämierten Projekten gehörte: Ausschließlich lokale Rohstoffe wurden genutzt und die Steine konnten vor Ort mit einer einfachen Metallform hergestellt werden. Die perforierte Ziegelwand des 150-Betten-Krankenhauses dient der Lüftung und dem Schutz sowohl vor Sonne wie vor Regen.

 

Einer der Renner in den letzten Monaten bei Raumprobe – und eines der derzeitigen Lieblingsmaterialien – kommt aus Kirchheim unter Teck. Dort sitzt die Heinrich Feeß GmbH & Co. KG. Bäuerle: „Das ist ein gutes Beispiel für unsere Hidden Champions, eine Firma, die 1951 gegründet wurde und sich seit 2010 auf das Recycling von Beton- und Bauschutt spezialisiert hat.“ Der Hersteller, der 40 verschiedene wiederverwendete R-Baustoffe produziert (das „R“ steht für ressourcenschonend), hat auch seine gesamte Produktion auf nachhaltiges Wirtschaften umgestellt. Im Jahr 2016 gab es dafür schon den Deutschen Umweltpreis, 2021 folgte der „Jurypreis Kreislaufwirtschaft des Umweltpreises für Unternehmen Baden-Württemberg 2020“. „Inhaber Walter Feeß und sein Kreislaufwirtschafts-Team arbeiten daran, statt Beton mit 45 Prozent Recyclinganteil auch welchen mit bis zu 100 Prozent anbieten zu können“, weiß Bäuerle. Letzteres ist rechtlich derzeit noch nicht möglich, an der technischen Umsetzung wird schon gearbeitet.

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