Wenn alle rechnen müssen
INSIDE auf Stimmenfang zur Möbelkonjunktur
Wie reagieren Endkunden auf die weiter steigende Inflation? Schieben sie den Kauf von Möbeln auf? Ein Besuch unter anderem in Eching bei München.
Diesen Mittwoch in Eching, im „Möbel-Bermudadreieck“, wo sich Roller, Poco, Kare, Mömax und natürlich Deutschlands erster Ikea-Markt befinden. Am frühen Abend wollen wir dort mit den Möbelkäufern sprechen. Wir wollen wissen, wie sie mit steigenden Preisen, einer anziehenden Inflation und ebenfalls höheren Energieausgaben umgehen, wenn sie Möbel kaufen. Ein erster Blick auf den Parkplatz vor dem Ikea – der war auch schon mal voller. „Seit einem Monat ist hier auf jeden Fall weniger los. Das sehe ich an der Zahl der parkenden Autos“, sagt der Parkplatz-Wächter. Natürlich sind so einige Kunden unterwegs. Wie die Streifmeders. „Wir renovieren momentan unser Haus und wir brauchen neue Möbel“, sagt Maria Streifmeder. „Das muss man nun trotz Inflation durchziehen“, sagt sie bestimmt. Aber: „Aufgrund der hohen Spritpreise fahren wir jetzt weniger Auto. Groß sparen werden wir ansonsten erstmal nicht.“
Hört man sich bei Konsumforschern um, bekommt man den Eindruck, dass Stimmen wie die von Streifmeders bald immer seltener werden. Mehr noch: Die aktuelle Situation ist mit der Vielzahl anderer Krisen, die wir in den vergangenen Jahrzehnten erlebt haben, kaum vergleichbar. So sieht es zumindest Michael Jäckel, Professor für Soziologie und Präsident der Universität Trier. „Der Konsumklima-Index war seit der Finanzkrise 2008 nie auf einem solchen Tiefpunkt wie aktuell“, sagt Jäckel. Frühere Krisen hätten sich nicht so stark ins Bewusstsein eingenistet, wie es gegenwärtig der Fall sei. Jetzt werde versucht, einen „Umschwung in eine neue Zeit der Energieerzeugung und Energiespeicherung zu schaffen“ – politisch und wirtschaftlich. Diese positive Perspektive sei wichtig, so Jäckel, weil Menschen die Gefahr vor Verlusten in der Regel höher bewerten als die Chance auf einen Gewinn. Das Bedürfnis nach einer privaten Schutzzone verstärkt damit auch den Cocooning-Allzeit-Trend. Jäckel schätzt allerdings, dass Branchen, die diesen Trend bedienen, momentan nicht so stark profitieren, wie in der Vergangenheit, weil im Gegenzug die Anschaffungsneigung zurückgeht. Große Investitionen werden vielfach lieber aufgeschoben.
Auch Umfragen zeigen, dass die Verbraucherstimmung sich aktuell verdunkelt. Das Magazin Der Spiegel: 61 Prozent der Deutschen müssen sich aufgrund der Inflation im Konsum beschränken. Und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat errechnet: Allein der 20-prozentige Preisanstieg beim Rohöl im März führt dazu, dass die Preise für Verbraucher in den kommenden zwei Jahren um 1,5 Prozent steigen.
Für manchen unserer Befragten ist das alles noch kein Problem: „Wir spüren keine Auswirkungen“, heißt es etwa von dem jungen Paar, das gerade Geschirr eingekauft hat. „Wir arbeiten beide und können uns auch höhere Preise leisten.“ Da sind andere deutlich vorsichtiger. „Wir haben einen Kleiderschrank und Outdoormöbel für den Garten gekauft“, sagt Christian Schmuck. Gemeinsam mit Ehefrau Petra kommt der Neuöttinger gerade aus dem Ikea gelaufen. „Eigentlich wollten wir auch eine neue Garderobe. Aber das war uns in der momentanen Situation einfach zu teuer. Wir warten ab. Man weiß ja nicht, was die Zukunft bringt.“ Sonja Arnold sagt: „wir suchen seit einem Monat eine Küche“. Gemeinsam mit Partner Alexander Huber steht sie auf dem Parkplatz in Eching. „Wir waren schon vorher in Aschheim und Parsdorf und jetzt hier. Die Preise, die als Angebot in der Werbung stehen, finden wir so nicht im Geschäft. Das wird immer teurer, so dass wir noch nicht fündig geworden sind. Wir gehen außerdem gezielter einkaufen. Und fahren mehr Fahrrad als früher.“
So ähnlich hat es am heutigen Tag auch Stefanie Lösing formuliert, die wir in München bei Bettenrid in der Theatinerstraße treffen. Kurz nach Feierabend in München ist die Erdingerin auf der Suche nach einer neuen Kindermatratze. „Unsere beiden Söhne wachsen ja nun mal. Also ist das eine notwendige Anschaffung, bei der ich auch problemlos mehr zahlen kann. Auch wenn alle Produkte deutlich teurer geworden sind“, sagt die 38-Jährige. Die inzwischen vierköpfige Familie mit zwei Verdienern hatte sich vor elf Jahren ein Haus gekauft. „Eigentlich würden wir nun auch neue Möbel kaufen. Denn als wir unser Haus erstausgestattet haben, haben wir zwar eine teure Küche, aber eher günstigere Wohnmöbel gewählt. Wir würden wirklich gerne neue und hochwertige anschaffen. Aber, wir haben zu zweit nachgerechnet und denken, wir müssen da noch ein oder zwei Jahre warten.“ Eigentlich wollte die Beamtin auch schon längst ihr Büro zu Hause erweitern. „Ich habe im Büro Ikea-Möbel – und dieses Modell in Eiche ist partout nicht lieferbar. Ob ich stattdessen woanders etwas noch Teureres beim Händler kaufe, das überlege ich noch. Bei den Preisen in den Möbelhäusern könnten wir gleich einen Schreiner beauftragen, der dann auch etwas ‚Unkaputtbares‘ liefert“, sagt sie. Auch wer etwas ausgeben kann, scheint also verstärkt über Optionen nachzudenken, die er vorher nicht in Betracht gezogen hat.
Auffallend oft sind es Familien oder Alleinerziehende, die den Outsidern von Sorgen oder zumindest größerer Vorsicht beim Konsum berichten. Und es sind nicht nur Kundengruppen aus dem Discount, die mehr über Preise nachdenken. „Wir kaufen jetzt noch schnell Möbel“, sagt ein etwa 40-jähriger Mann, der mit Partnerin und Kind die Echinger Maison-du-Monde-Filiale hetzt, „denn es wird ja alles noch teurer, da bin ich sicher.“ Andere hat die allgemeine Preiserhöhung bereits an ihre Grenzen gebracht. „Ich werde erstmal überhaupt nichts Größeres mehr anschaffen können“, sagt eine Coburgerin. „Wäre der Osterurlaub nicht schon lange bezahlt, wir würden daheimbleiben. Wenn ich den Wocheneinkauf für meinen siebenköpfigen Haushalt mache, habe ich plötzlich 100 Euro mehr auf der Einkaufsquittung als vor ein paar Wochen. Jetzt kann ich mir überlegen, ob ich die Familie versorge oder das Auto volltanke. Ich werde wohl noch einen Nebenjob brauchen.“ Mancher kann sich nun nur weniger leisten, viele aber müssen ordentlich rechnen. Und das sind bloß die, die wir überhaupt beim Einkaufen angetroffen haben.
Dass sich die Stimmungslage schnell wieder ändert, ist nicht ausgeschlossen. Konsumforscher Jäckel beschreibt den Entwicklungsverlauf des Konsumklima-Indexes seit 2020 als so „volatil und unruhig wie eine Fieberkurve“. Recht klar zeichnet sich dagegen ab, dass sich auch bei vielen Konsumenten das Bewusstsein einer Zeitenwende durchsetzt, genauso wie die Erkenntnis, dass die Bäume nicht mehr in den Himmel wachsen.
Mehr Inflation, weniger Konsum
Vier Fragen an Konsumforscher Fabian Christandl.
1. Was macht den Konsumenten hierzulande aktuell die größten Sorgen und warum?
Ich gehe davon aus, dass der Ukraine-Russland-Konflikt und sämtliche daraus resultierenden Folgen aktuell die größten Sorgen bereiten, was vor allem daran liegt, dass die Bedrohungslage als sehr nah und konkret wahrgenommen wird.
2. In vielen vergangenen Krisen blieb die Konsumentenstimmung in Deutschland überraschend stabil: Gilt das auch für die aktuelle Krisensituation? Woran liegt das?
Das lässt sich aktuell noch nicht abschätzen. Momentan deutet sich eine klare Verschlechterung an – ähnlich wie zu Beginn der vergangenen Krisen. Ob sich die Konsumentenstimmung recht schnell wieder erholen wird, dürfte davon abhängen, inwiefern Konsumenten insgesamt eine merkliche Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Situation wahrnehmen. Hierbei dürfte insbesondere die gefühlte Inflation eine wichtige Rolle spielen. In den vergangenen Krisen gab es zwar viele Betroffene, aber eben auch noch mehr Menschen, die nicht so gravierend betroffen waren, weshalb sich das Konsumklima insgesamt recht schnell erholen konnte.
3. Gibt es bei Krisen eine Art Gewöhnungseffekt, der zu einer Normalisierung des Einkaufsverhaltens nach einer gewissen Zeit führt?
Wir verfügen über ein psychologisches Immunsystem, das uns hilft, mit Krisen auf konstruktive Art und Weise umzugehen, weshalb sich unsere subjektive Betroffenheit im Zeitablauf üblicherweise verringert. Einige Menschen können das besser, andere nicht so gut. In der Folge müsste es auch wieder zu einer Normalisierung des Einkaufsverhaltens kommen. Dies funktioniert aber natürlich nur, wenn ich auch über die (monetären) Ressourcen verfüge, weiterhin einkaufen zu können.
4. Profitieren Branchen von der Krise, in denen der Fokus der Menschen aufs Private eine Rolle spielt, beispielsweise die Möbelbranche?
Das lässt sich meiner Ansicht nach nicht pauschal beantworten, weil es auf die spezifischen Merkmale der Krise ankommt. Die Corona-Pandemie hat eine Fokussierung der Menschen aufs Private gefördert, weil es ja eine Zeit lang gar keine andere Möglichkeit gab und man eben das Beste aus der Situation gemacht hat, indem man sein Heim verschönert hat. Allerdings erzeugen solche Zwänge auch den Wunsch, wieder andere Dinge konsumieren zu können, sobald es wieder möglich ist. Das zeigt sich auch darin, dass die Reiselust, trotz aller damit verbundenen Herausforderungen, recht schnell wieder zurückgekehrt ist.
Fabian Christandl ist Professor für Wirtschafts- und Sozialpsychologie sowie Studien- und Forschungsdekan an der Hochschule Fresenius in Köln.