„Wenn nicht jetzt, wann dann?“
Die Auswirkungen des Krieges: VDM-Chef Elmar Duffner schreibt im INSIDE
Vor zwei Wochen haben wir die dramatische Lage mit vielen Auswirkungen auf den Möbelmarkt beschrieben. Im neuen INSIDE und hier bringen wir nun einen Debattenbeitrag von Elmar Duffner. Elmar Duffner ist Präsident des Verbands der Deutschen Möbelindustrie (VDM) und Vivonio-Geschäftsführer. Wir werden uns auf die Suche nach weiteren Beiträgen machen, aus Industrie und Handel. In der aktuellen Lage, in der jeder zum ersten Mal ist, müssen alle Lösungen finden, Prozentzahlen für Preiserhöhungen festlegen, verhandeln, mit allen Partnern klarkommen. Einige Preiserhöhungen sind schon raus. Die BSH erhöht über alle Marken zum 1. Juni erneut um 8 Prozent, in der Küchenindustrie werden in der Regel zwischen 5 und 8 Prozent aufgerufen – oder aufgerufen werden. Und in der Wohnmöbelindustrie wird gekämpft und gefeilscht. Alle haben gute Argumente auf ihrer Seite, auch die Händler. Möbel können nicht unendlich teurer werden.
Hier die Sicht des obersten Industrie-Lobbyisten:
Innerhalb der Möbelbranche ist dringend mehr Partnerschaft gefragt
Von Elmar Duffner
Unsere Branche ist tief erschüttert über den Krieg Russlands gegen die Ukraine. Die Invasion stellt einen eklatanten Bruch mit dem Völkerrecht und einen Angriff auf die europäische Friedensordnung dar. Die humanitären Auswirkungen sind verheerend. Unser Mitgefühl gilt der Bevölkerung der Ukraine. Ihr wird durch den Krieg unermessliches Leid zugefügt. Wir unterstützen den Weg der Europäischen Union, dieser brutalen Attacke Russlands mit harten Sanktionen zu begegnen.
Politisch hat uns dieser Krieg deutlich vor Augen geführt, dass nur ein einheitliches und solidarisches Handeln innerhalb der EU eine angemessene Reaktion darstellen kann. Wie richtig und wohltuend anders wirkt diese Einstellung im Vergleich zur Vielstimmigkeit und Kleinstaaterei während der Flüchtlingskrise im Jahr 2015.
Und unsere Branche? Sie steht vor einem Wendepunkt: Die Folgen zweier großen Krisen – Pandemie und Ukraine-Krieg – gleichzeitig zu bewältigen, stellt den Möbelsektor vor ernsthafte Schwierigkeiten. Diese außergewöhnliche Situation bietet für unsere Branche aber auch eine Chance. Es könnte endlich der Moment gekommen sein, die Zusammenarbeit von Zulieferindustrie, Möbelherstellern und Möbelhandel stärker partnerschaftlich auszurichten. Das bislang übliche Prozedere der Preisgespräche muss dringend überwunden werden. Häufig begegnet der Handel den Preisforderungen der fragmentierten Industrie erst nach Wochen und unter Bedingungen. Jetzt sind die Unternehmer und Inhaber im Handel gefordert, Verantwortung zu übernehmen im Umgang mit der Möbelindustrie in dieser historischen Krise.
Von Tagespreis zu Tagespreis
Fakt ist: Die Zulieferindustrie zahlt ihren Vorlieferanten die geforderten Preiserhöhungen und reicht diese Preise ohne zeitliche Verzögerung an die Möbelindustrie weiter. Teilweise werden hier Tagespreise aufgerufen, während nach hinten in der Kette mitunter Jahreslaufzeiten vereinbart wurden. Dass das nicht funktioniert, ist klar ersichtlich. Und wohin das im Ernstfall führt, auch: in die Pleite und zu einer Ausdünnung des Angebots. Noch nicht alle im Handel haben das erkannt und es braucht deshalb mehr Akteure, die mutig vorangehen und die gestiegenen Preise an die Konsumenten weitergeben. Die aktuellen Preisanpassungen bei mehr als 400 Produkten beim größten deutschen Lebensmitteldiscounter Aldi verdeutlichen es – auch der Möbelhandel kann die inflationären Tendenzen nicht aufhalten.
Die Produktionskosten unserer Hersteller steigen und steigen. Die Beschaffungssituation ist infolge der zwei Jahre währenden Pandemie ohnehin schon angespannt. Durch die Kriegshandlungen in der Ukraine und die Folgen der Sanktionen gegen Russland und Belarus werden die Lieferketten nun noch weiter belastet. Die Energiepreise explodieren, Zulieferprodukte verteuern sich erheblich.
Das volle Ausmaß der direkten und indirekten Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf unsere Branche ist derzeit noch nicht abzusehen. Wegen des Angriffs auf die Ukraine hat die EU massive Sanktionen gegen Russland und Belarus verhängt, die unter anderem den Swift-Ausschluss russischer und belarussischer Banken und das Einfuhrverbot für Holzprodukte aus Belarus umfassen. Russland reagierte mit Gegensanktionen. Es ist davon auszugehen, dass die Handelsströme in beiden Richtungen weitgehend versiegen werden.
Direkt von den Sanktionen betroffen sind beispielsweise hiesige Anbieter aus der Lattenrost- und Polstermöbelfertigung, die bislang einen Großteil ihres Holzmaterials wie Schichtholz und Federholzleisten aus Russland und Belarus beziehen. Indirekte Folgen ergeben sich darüber hinaus für die Holzwerkstoff- und Möbelindustrie in Ländern wie Polen, Slowakei, Ungarn oder Rumänien. Die dortigen Betriebe müssen nicht nur mit dem Ausfall von Rohstofflieferungen aus Russland oder Belarus umgehen, sondern auch mit dem Fernbleiben von ukrainischen Arbeitern.
Zunehmend unter Druck gerät die deutsche Möbelindustrie auch durch den rasanten Anstieg der Energiepreise, der die Verteuerung der Materialien und Vorprodukte noch einmal beschleunigt. Die hohen Energiepreise dürften sich vor allem auf die Holzwerkstoffpreise auswirken, deren Herstellung besonders energieintensiv ist. Auch die Logistikkosten werden angesichts der immer weiter steigenden Kraftstoffpreise noch zunehmen. Diese negativen Effekte werden die Materialverfügbarkeit einschränken und preistreibend wirken.
Falls die höheren Material- und Energiepreise weiter zu Lasten der Margen in der Möbelindustrie gehen, wird dies zwangsläufig zu einem schwächeren und uniformen Produktangebot führen. Damit dürfte es der Handel schwer haben, sich nach der Krise gegen andere attraktivere Branchen zu behaupten, die ebenfalls um das Budget der Verbraucher werben. Ein partnerschaftlich ausgerichtetes Miteinander verspricht dagegen wesentlich mehr Erfolgschancen und wäre eindeutig im Sinne der Konsumenten.