Sanft zum Glück gezwungen
Wie Cor die Zukunft plant
Leo Lübke ist in den 90er Jahren von seinem Vater Helmut Lübke mit sanftem Druck davon überzeugt worden, dass Cor eine tolle Lebensaufgabe sein könnte. 25 Jahre später steht Cor als deutscher Hersteller im Premiumsegment so gut da wie nie. Cor wächst und wächst – mit seinen stationären Fachhandelspartnern. Der digitale Knoten im Vertrieb muss trotzdem gelöst werden.
Es gibt unangenehmere Montage als diesen in Rheda-Wiedenbrück. Die Sonne scheint. Der Outsider klopft am Cor-Haus. Leo Lübke macht auf. Wir setzen uns auf zwei der neu aufgelegten Farmersessel, die im Innenhof stehen. Und schnell sind drei Stunden rum.
Es ist ein wildes Jahr, auch im Hause Cor. Es gibt viel zu besprechen. Vor allem viel zu tun. Ein Rekord-Auftragseingang muss abgearbeitet werden. Die Lieferzeiten, die sich seit Längerem bei unangenehmen zwölf Wochen bewegen, werden und werden trotz Überstunden und Extraschichten nicht kürzer. Zum ersten Mal seit langer Zeit musste der Polstermöbelhersteller für Ende August bereits die zweite Preiserhöhung in diesem Jahr ankündigen. „Wir machen das eigentlich wie ein Uhrwerk, immer zum 1. März. Aber in diesem Jahr kommen wir leider mit einer Preisrunde nicht klar“, sagt Lübke. Im März wurde um 3,5 Prozent erhöht. Nun, per Ende August, nochmal um 3,4 Prozent. Eine kniffelige Lage. Doch der Megastress im Händlerlager wird ausbleiben. Anders als er im Massenmarkt vorprogrammiert gewesen wäre. Die zweite Preiserhöhung wird Cor im August einen nochmal dynamischeren Auftragseingang bescheren. So ist das in diesen Ausnahmezeiten in diesem Segment, das Cor mit Marktbegleitern wie Walter Knoll oder den Bielefelder Werkstätten bedient. Hier kaufen die Leute keine Möbel. Hier richten sie sich ein. Und das nach wie vor mit wachsender Begeisterung – und offenkundig genug Geld.
Von paradiesischen Zuständen sind sie aber auch bei Cor weit entfernt. Zwar stieg der Umsatz im vergangenen Jahr erstmals über 40 Mio Euro. In diesem Jahr liegt der Premiumhersteller erneut satt zweistellig in Auftragseingang und Umsatz über Vorjahr. Doch die Konjunktur mit einer anhaltend hoch einstelligen Rendite haben sie sich im Haus in den vergangenen Jahren schon selbst erarbeitet. 230 Mitarbeiter arbeiten hier, viele noch sehr handwerklich, mitten in Deutschland. Allein 40 Näherinnen werden beschäftigt, fünf Leute im hauseigenen Gestellbau. Einen eigenen Gestellbau mutet sich außer Cor noch Rolf Benz in Mötzingen oder Signet in Oberfranken zu. Aber dann wird es schon dünn. Leo Lübke sieht die hohe Fertigungstiefe eher als Vorteil: „Wir haben alles selbst im Griff. Und 80 Prozent unserer Lieferanten sitzen im direkten Umland. Kurze Wege, ein enges Netzwerk, wenig Abhängigkeiten.“
Lübke, der einst bei Dieter Zimmer in Kiel Design studiert hat und von der Ostsee nicht nur mit kreativem Gestaltungsdrang, sondern auch mit Ehefrau Ulrike nach Ostwestfalen zurückkam, wäre fast kein Unternehmer geworden. Designer wollte er werden. Als er 1993 mit dem Studium fertig war, ließ ihm sein Vater Helmut Lübke noch Luft. Also ein paar Monate. Dann setzte er seinem Sohn auf die legendär direkte Helmut-Lübke-Art die Pistole auf die Brust. „Ein Jahr kannst du es dir noch überlegen, dann verkaufe ich den Laden.“ Lübke überlegte es sich dann schnell. Und hat es nicht bereut.
Heute ist Leo Lübke 57 Jahre alt, 27 Jahre verheiratet, hat drei Kinder – und würde sich noch immer nicht als Vollblutunternehmer bezeichnen. „Es gibt sehr viel, was meine Kollegen hier im Haus besser können als ich“, sagt er. Mit Hermann-Josef Pöhls zum Beispiel – um hier wirklich nur ein Beispiel aus dem Cor-Team zu nennen, das Lübke anführt – kam vor fünf Jahren ein Technischer Leiter, damals von Impuls, der Cor seitdem beigebracht hat, was eine digitalisierte Prozesskette ist. Oder welche Vorteile Lean Production für eine Polstermanufaktur haben kann. Gerade ist Pöhls wieder gefordert. Die Schaumteile kauft Cor seit ein paar Wochen nicht mehr in großer Stückzahl zu. Auf einen Softteile-Bahnhof wurde umgestellt, die Schaumteile kommen jetzt kommissionsweise an. Es wird weiter in smarte Maschinen investiert. Auch ein Bauantrag läuft für die Fläche, auf der gerade das Holzlager steht. Eine neue Lagerhalle soll entstehen, um Platz zu schaffen. Cor platzt gerade aus allen Nähten.
Lübkes Kinder sind 20, 22 und 26 Jahre alt. Ulrike und Leo Lübke werden keinem die Pistole auf die Brust setzen, sagen sie. Ein Familienunternehmen soll Cor trotzdem immer bleiben. Sollte keins der Kinder einsteigen wollen, dann wird es eher auf ein Fremdmanagement rauslaufen. „Weshalb sollten wir irgendwann verkaufen? Mir fällt kein Grund ein“, sagt Lübke. Cor sei auch kein „Rendite-Star“, sagt Lübke. Bis auf ein Jahr – im Interlübke-Pleite-Jahr 2012 – hat die Firma aber immer Geld verdient. Das Gros wurde immer in Cor investiert. War die Interlübke-Krise auch seine persönlich größte Krise? Lübke sagt es so: „Es war ein langer und anstrengender Prozess. Am Ende haben wir uns aber auch befreit. Ich war viel zu wenig hier, habe Cor zu Interlübke-Hochzeiten nicht so im Fokus haben können. Das Team hat das immer super gemacht. Aber mein Herz hängt eben auch hier.“
Ein Drittel der Umsätze steuert heute noch immer der Klassiker Conseta bei. Jüngere Modelle wie Mel oder Trio sind längst zu großen Umsatzträgern geworden. Der Objektmarkt wurde in den vergangenen Jahren gezielt aufgebaut – mit eigenem Vertrieb und modellpolitisch immer öfter mit klassischen Cor-Produkten. 330 Fachhandelspartner sind in Deutschland im Boot; durch den verstärkten Fokus auf Objekt ist die Zahl konstant. Lübke: „Klar, es hört immer mal wieder einer auf. Aber dann entsteht woanders ein neuer. Der stationäre Markt ist für uns noch sehr lange die Basis.“
Und doch wurde das No-Online-Dogma, das im Haus nach dem Reuter.de-Stress formuliert worden war, mittlerweile kassiert. Lübke: „Wir überlegen natürlich, wie wir mit unseren Handelspartnern zusammen im Sinne des Endkunden Cor-Produkte online verfügbar machen können. Das wird irgendwann kommen. Aber wir bleiben defensiv.“ Die größte Herausforderung für Cor in der Zukunft sieht Lübke – E-Commerce-Defensivtaktik hin oder her – in der Digitalisierung: der Prozesse und des Vertriebs.