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Sedus im Umbruch
Der australische Physiker Thomas Parnell war Professor an der Universität von Queensland. Im Jahr 1927 startete Parnell das so genannte Pechtropfen-Experiment und füllte den zähflüssigen Stoff in einen Trichter, um sein Tropfverhalten zu beobachten. Der erste Tropfen fiel 1938, elf Jahre nach Beginn des Versuchs, in einen Auffangbehälter. Zuletzt fiel im April 2014 der neunte Tropfen. Das waren 158 Monate nach Beginn des Experiments und 66 Jahre nach Parnells Tod. „Vor Corona veränderte sich die Bürowelt in einer ähnlichen Geschwindigkeit wie ein Tropfen Pech, der aus einem Gefäß fließt“, sagt Daniel Kittner, Vorstand Technik der Sedus Stoll AG. „Durch Corona entwickelte sich das Pech zu Wasser.“
Sedus Stoll hat seinen Hauptsitz wenige Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt am Fuße des Schwarzwalds in Dogern. Schon aus weiter Ferne ragt das 29 Meter hohe und farbenfrohe Hochregallager in den Himmel, das zum Markenzeichen des Büromöbelbauers geworden ist. Die Farben an der Außenverkleidung sind angelehnt an die natürliche Umgebung des Standorts. Alle grünen, roten und gelbe Töne finden sich in unmittelbarer Nähe des Gebäudes und können, je nach Jahreszeit, auch im Schwarzwald ins Auge stechen.
Aus Bürowelten werden Lebenswelten
Diejenigen, die trotz Corona noch Stammgäste im Büro sind, erkennen die Veränderung im Markt recht zügig, denn allzu viele Kollegen leisten ihnen bei der Kaffeepause nicht Gesellschaft. Und diejenigen, die es vorziehen, in Schlafanzughose unterhalb vom Hemd an Teams-Meetings teilzunehmen, na ja, die müssen nur einen Blick auf ihre Hose werfen.
Anders als der Küchenmarkt, der sich seit gut einem Jahr im Dauerboom befindet, wurden die Büromöbler von Corona ordentlich durchgeschüttelt. Wie funktioniert das Arbeiten von morgen? Investieren Firmen weiterhin in Bürogebäude? Der Umsatz der Branche rauschte laut Industrieverband IBA im Jahr 2020 um 11,8 Prozent nach unten. In Dogern brach der Umsatz um 12,4 Prozent ein.
Sedus sei mit einem blauen Auge davongekommen, sagt Kittner. Unterm Strich konnte die Aktiengesellschaft, deren Hauptaktionäre die Stoll Vita Stiftung und die Karl Bröcker Stiftung sind, das Jahr mit 2,54 Mio Euro Gewinn abschließen. Im Jahr 2019 waren es noch 7,8 Mio Euro, und da will man in Dogern auch wieder hin. Am liebsten schon im Jubiläumsjahr 2021. Sedus feiert in diesem Jahr 150-jähriges Bestehen. Aber weil Corona nach wie vor den Hut aufhat und Partys in persona nicht jedermanns Sache sind, entschied sich Kittner mit seinem Vorstandskollegen Cornel Spohn, zuständig für Finanzen, für eine Feier-Variante im Netz – Band, Produktpräsentation und Liveschalten bis in die USA inklusive.
Wer das Event gesehen hat, dem ist die Dogener Marschroute klar. Auf die weist auch der Name des Events, New Horizons, hin. Das Büro muss neu gedacht werden. Sedus-Marketing-Chef Ernst Holzapfel spricht von Lebenswelten, nicht von Bürowelten. Das Arbeiten von morgen rückt immer weiter in den Wohnraum. Verschwinden wird das Büro aber deshalb nicht, sagt Kittner. „Es wird sich verändern. Und Veränderungen sind auch immer eine Chance.“ Montag und Freitag bleiben viele Mitarbeiter tendenziell zu Hause. Die Tage Dienstag, Mittwoch und Donnerstag nutzen viele, um Ideen mit Kollegen auszutauschen, Meetings abzuhalten und soziale Kontakte im Büro zu pflegen. Persönliche Schreibtische rücken immer mehr ins Abseits. Vor allem Banken setzen auf eine neue Sitzordnung. Die Bayern LB beispielsweise hat mit dem Betriebsrat eine „Desk-Sharing-Vereinbarung“ getroffen. Pro 100 Mitarbeitern stehen nur noch 70 Schreibtische zur Verfügung. Auch Vorstände großer Unternehmen verzichten auf ein eigenes Büro. So will Europas größte Bank, HSBC, Vorstandsbüros zusammenlegen. Bei der deutschen Bank ING-Diba teilt sich das Spitzenpersonal schon heute ein Arbeitszimmer.
Auch der Sedus-Vorstand (am 1. Oktober wird der Vorstand wieder auf drei Manager aufgestockt: Christoph Kargruber übernimmt die Ressorts Marketing und Vertrieb) wird in Zukunft die Büros zusammenlegen. Weniger Schreibtische in Büros bedeuten für Kittner aber nicht automatisch weniger Wachstumschancen. Ganz im Gegenteil. „Wir liegen im ersten Halbjahr 2021 gegenüber dem Vorjahreszeitraum deutlich im Plus. B2C hat stark zugelegt. Noch interessanter ist allerdings B2B2C“, so Kittner. Hinter diesem Kürzel verbirgt sich nicht etwa eine neue Walt-Disney-Roboter-Erfindung für einen „Star Wars“- Film, sondern das Geschäft mit Firmen, die im großen Stil die Heimbüros ihrer Mitarbeiter einrichten. Dieses Segment wird weiter zulegen, da ist sich der Sedus-Vorstand sicher. Auch online konnte Sedus Boden gutmachen. Vor der Pandemie lag der Online-Anteil bei unter 1 Prozent. Heute sind es bereits knapp 4 Prozent. Viel Luft nach oben, ja, aber auch eine Steigerung von knapp 400 Prozent. Weitere Chancen sieht Sedus im europäischen Ausland. Von einer Exportquote spricht Kittner aber ungern, lieber vom internationalen Geschäft. Sedus hat in Frankreich, Italien, Spanien, Österreich, Großbritannien, Niederlanden, Belgien, Schweiz und Dubai Tochterfirmen. In Österreich und im südlichen Europa explodieren momentan viele Auftragsbücher im Objektgeschäft. „Noch haben wir in Europa erst einen Marktanteil von knapp 5 Prozent“, so Kittner.
Europäischer Marktführer ist mittlerweile der polnische Hersteller Nowy Styl, der auch mit Hilfe von EU-Subventionen und Zukäufen so schnell wachsen konnte. „Das muss man sportlich sehen“, sagt Kittner und räumt ein, dass man ähnlich gehandelt hätte, hätte sich die Chance für Sedus ergeben. So oder so, Wachstumsmöglichkeiten sind vorhanden. Sollten sie auch sein, denn in Dogern schraubt man kräftig an den Fertigungskapazitäten und investiert insgesamt 20 Mio Euro in das Werk in Geseke. „Futura 2“, so heißt die neue Anlage, soll im Herbst 2022 fertiggestellt werden und ist gut für 80 Prozent zusätzlichen Output.
Kantinenessen aus eigenem Anbau
Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Das sind auch bei Sedus die beiden Megatrends der Zukunft. Klar, die Schwarzwälder Büromöbelbauer sind nicht die Einzigen, die diese Themen als Megatrends erkannt haben. Dass man es in Dogern ernst meint mit der Aussage „klimaneutrale Standorte bis 2025“, glaubt man spätestens, wenn man die eigenen Firmen-Felder unweit der Zentrale sieht. „Die Felder sind verpachtet. Aber unser Kantinen- Team (die Kantine schaut übrigens mehr aus wie ein großzügiges Mittagslokal mit großen Fenstern und Unmengen an Tageslicht) kochen nur mit Produkten, die auch saisonal wachsen. Vieles auf dem eigenen Feld“, sagt Kittner. Die Sedus-Mitarbeiter hatten am Tag des Interviews die Auswahl zwischen Pasta mit Pfifferlingen oder Salat (aus dem Garten) mit Rinderstreifen. Auf dem Parkplatz gibt es Ladesäulen für Elektroautos.
In Zukunft wolle man in Dogern und Geseke und auch an den anderen Standorten das Thema Nachhaltigkeit weiter anpacken und erneuerbare Energien noch effizienter nutzen.
Und der zweite Trend, die Digitalisierung? Zusammen mit der österreichischen Firma Kapsch entwickelte Sedus die SEConnect- Software. Die App bucht Arbeitsplätze, Schließfächer und organisiert das neue Büro. „Mittlerweile kommen immer mehr Firmen auf uns zu und SE-Connect hat sich von einem theoretischen Gedanken vor Corona zu einem hochaktuellen Thema für uns heute entwickelt“, sagt der Sedus-Vorstand. Einen ersten großen Fisch hat Sedus bereits geangelt. Red Bull nutzt das System in Salzburg und will es auch an allen weiteren Standorten einsetzen.
In welcher Geschwindigkeit sich der Büromöbelmarkt verändert, das wird laut Kittner auf der Orgatec 2022 zu sehen sein. „Es gab ja auch immer Zweifler an der Messe, aber ich bin überzeugt, die Orgatec im nächsten Jahr wird eine tolle Schau werden.“