Digitalisierung in der Möbelbranche (8)
Menschen in den Mittelpunkt!
Im gedruckten INSIDE 1102 startete die in loser Folge erscheinende Serie "Digitalisierung in der Möbelbranche". Im achten Teil der Serie stellt unsere Gastautorin Lena Schaumann den Menschen in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen.
Nach ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau zog es Lena Schaumann, 32, an die Uni: An der WHU – Otto Beisheim School of Management in Vallendar studierte Schaumann Internationale Betriebswirtschaft. Nach dem Bachelor ging sie zurück in die Praxis: Die damals 26-Jährige gründete 2015 in Berlin den Onlineshop Lumizil.de; zunächst als reinen Shop für Leuchtmittel (INSIDE 963). Heute sind auch Möbel und Accessoires Teil des Programms mit aktuell 89.000 Artikeln und Lumizil ist Ende 2018 von Berlin nach Kassel umgezogen. Grund für den unternehmerischen Start: eigener Shoppingfrust bei der Suche nach einer Lampe. Seit Frühjahr 2019 ist Schaumann Geschäftsführerin bei Möbel Schaumann.
Seit September 2020 ist sie auch als Podcasterin unterwegs (INSIDE 1099). Unter www.hermann-und-ich.de interviewt die Unternehmerin andere Nachfolger und Nachfolgerinnen, Vorgänger und Vorgängerinnen zum Dauerbrenner Unternehmensnachfolge. Inzwischen sind 20 Folgen der ersten Staffel produziert, bei der Schaumann mit ihren Gästen über all die großen und kleinen Fragen spricht, die sich beim unternehmerischen Generationenwechsel stellen.
Digitalisierung ist kein Projekt, das jemals abgeschlossen wird. Das hat sehr menschliche Gründe.
Von Lena Schaumann
Ich bin Unternehmerkind – Möbel-Unternehmerkind, um ganz genau zu sein. Als Kind der 1980er gehöre ich zur Generation Y und bin damit auch ein Kind der Digitalisierung. Ich kenne den Zusammenhang zwischen Bleistift und Kassette und die Zeiten, in denen ich panisch das Handy ausschaltete, nachdem ich aus Versehen auf den „Internetknopf“ gekommen war. Ebenso kenne ich die digitalisierte Welt und dafür, dass ich beides kenne, bin ich heute sehr dankbar. Das war aber nicht immer so:
29 Jahre meines Lebens kam es für mich nicht in Frage, Nachfolgerin in unserem Familienunternehmen – dem Möbelhaus Schaumann in Kassel und Korbach – zu werden. Frisch aus der Uni hatte ich die Weisheit selbstverständlich mit Löffeln gefressen und hielt das Unternehmen für viel zu verstaubt und „old school“. Zudem wollte ich unbedingt meine eigenen Fußstapfen hinterlassen und Teil der coolen Tech-Welt sein. Gesagt, getan: 2014 gründete ich den Möbel-Onlineshop Lumizil. Ich war selbstständig, lebte und arbeitete mitten in Berlin, der Tech-Szene Deutschlands – wir sind voll digitalisiert. But guess what: Ich langweilte mich. Arbeit hatte ich genug, aber warum war ich unzufrieden?
Tech- vs. People-Business
2016: Die ganze Möbelwelt spricht von nichts anderem als Digitalisierung. Nach Absprache mit meinem Vater, startete ich das erste Digitalisierungsprojekt „zuhause“. Zu meiner Überraschung hatte niemand darauf gewartet, dass ich mit Lösungen um die Ecke komme. Mehr als große Augen traf ich nicht vor und das Projekt scheiterte in exakt dem Moment, in dem ich wieder zurück im Zug nach Berlin saß. An diesem Punkt musste ich mir folgende Dinge eingestehen: Ohne die Menschen läuft überhaupt nichts. Ich will Nachfolgerin werden, und ich kann mir nichts Geileres vorstellen als das weiterzuführen, was mein Uropa vor über 100 Jahren gestartet hat. Ich habe viel mehr Lust auf ein People-Business!
Der Traum beginnt ...
Einer freut sich doch auf mich: Die Augen meines Papas strahlen förmlich, als ich ihm von meinem Wunsch, ins Unternehmen einzusteigen, berichte. Nur von meiner „People first“-Einstellung lässt er sich nicht so schnell begeistern. Aber er vertraut unter der Vorgabe, dass wir die Digitalisierungsthemen gleichzeitig bearbeiten. Obwohl mein Kopf „Digitalisierung“ schrie, entschied ich mich zum ersten Mal aktiv für mein Bauchgefühl und platzierte die Digitalisierung vorerst auf der Ersatzbank. Wir starteten das bisher anstrengendste und gleichzeitig erfüllendste Projekt meines beruflichen Lebens: Wir beschäftigten uns mit uns, unserer Marke und all unseren Mitarbeiter*innen. Wir suhlen uns knappe zwei Monate in all dem, was wir „scheiße“ finden – ich nenne es liebevoll unsere „Auskotz-Stunde“ und die hat es in sich. Sie zieht sich wie Kaugummi, ist unangenehm, tut verdammt weh. Ich muss es aushalten: Zuhören ist angesagt und manchmal will ich wirklich platzen.
Aber wir schaffen den Umschwung. Wir einigen uns darauf, dass jetzt der letzte Zeitpunkt ist, an dem alles auf den Tisch kommt. Danach blicken wir nach vorne und nicht mehr zurück.
Und dann kam endlich unsere Traumstunde: Was wollen wir erschaffen? Für welche Werte stehen wir ein? Wie wollen wir als Team gemeinsam leben und arbeiten? Wie sieht unsere Vision der Zukunft aus? Wie wollen wir gesehen werden? Verkaufen wir „einfach nur Möbel“ oder tun wir eigentlich sehr viel mehr als das?
Frühjahr 2019: Das Projekt bekommt plötzlich einen Namen: „SMILE – bringt das Lächeln zurück“. Ja, wir träumen bereits gemeinsam. Aber so richtig dran glauben tun wir noch nicht. Alle schauen auf die anderen Führungskräfte und mich. Alle warten, bis wir etwas tun und uns verändern. Jeder kleine Ausrutscher wird nur schwer verziehen. Es fallen Sätze wie „Das war aber nicht SMILE von euch“.
Unzählige Gespräche, monatelange emotionale Schwerstarbeiten und auch einige Kündigungen (von beiden Seiten) später ist sie da. Im Februar 2020 stellen wir unsere Vision, unseren Zweck der Existenz – wie John Strelecky sagen würde – vor. Unsere Herzen fühlen Zuhause: Gemeinsam mit unseren fünf definierten Werten – bodenständig, herzlich, miteinander, flexibel, familiär – wird dieser Satz ab sofort unser Fundament bilden. Es sind die Grundlagen für unsere Entscheidungen und unser Handeln.
Und dann war alles anders
Rückblickend kann ich nicht mehr genau sagen, wann es klick gemacht hat. Aber es gab diesen Punkt, an dem plötzlich alles anders war. Wir hatten uns verändert – und zwar ganz tief in uns drin. Stolz wird immer wieder von unserem Projekt „SMILE“ erzählt und die Story – gepaart mit unserer vollen Authentizität – kommt an.
Und Digitalisierung?
Bevor wir richtig drüber nachdenken konnten, steckten wir nebenbei bis zum Hals in Digitalisierungsthemen.
Die Digitalisierung wurde zu unserem Lieblingskollegen. Wir warfen ihr alles hin, auf das wir eigentlich schon längst keinen Bock mehr hatten, und das tun wir heute immer noch! Wir haben Bock auf den Kunden! Wir wollen ein Erlebnis schaffen, das seinesgleichen sucht! Der Kunde soll unseren Laden verlassen und von oben bis unten begeistert sein! Wir wollen überraschen! Und wir selbst wollen dabei jeden Tag glücklich sein und Freude haben. Und genau deshalb haben wir schlichtweg keine Zeit für stupide Arbeiten, die die Technik noch dazu viel besser kann als wir. Die Digitalisierung wurde zu unserem Freiheitskämpfer!
Das Team verlangte immer mehr: Wie sollen wir „flexibel“ sein, wenn unsere Prozesse, unsere Systeme und allen voran unsere Warenwirtschaft Flexibilität schlicht nicht zulassen? Neue Homepage, neuer Onlineshop, neue Abläufe, neue IT-Infrastruktur und eine komplett neue Warenwirtschaft und neue Finanzbuchhaltung – ja das geht innerhalb eines Jahres. Wenn die Motivation stimmt und die Vision klar ist. Und dann muss ich als Chefin schon längst nicht mehr bei jedem Projekt dabei sein.
Was ist die Quintessenz?
1. Ich bin überzeugt: People first macht uns noch schneller und erfolgreicher
Oft höre ich Unternehmer*innen sagen, dass sie keine Zeit dafür haben und dass es Wichtigeres gibt. Die Zahlen müssen stimmen und ohne dass wir Geld verdienen, funktioniert das sowieso alles nicht. Stimmt! Aber wer sagt, dass „people first“ und Geld verdienen beziehungsweise erfolgreich sein, sich ausschließen? Wir können es nicht so eindeutig messen wie andere Dinge. Weil es auf buchstäblich alles einen Einfluss hat, nicht nur auf ein oder zwei spezifische Punkte. Und ja, die Erfolge kommen nicht sofort. Es ist ein unglaublich anstrengender Weg, der lange nebelig ist. Aber der lohnt sich und bringt Erfolge, an die wir jetzt noch gar nicht denken. Vor allem endet dieser Weg niemals: Er ist kein Projekt, das wir irgendwann erfolgreich oder eben nicht abschließen.
Ich gehe sogar noch weiter: Es ist der einzige Weg, auf dem wir künftig überhaupt noch Erfolge haben werden. Die Welt verändert sich – zum Glück. Wenn wir also von Erfolg sprechen, lasst uns nicht nur davon sprechen, ihn heute zu haben, sondern auch davon, uns heute schon so aufzustellen, dass wir ihn morgen immer noch haben werden.
2. Habt Selbstvertrauen und schenkt Vertrauen!
Ich persönlich will Visionärin sein, Rebellin – eine liebevolle Rebellin. Ich will verändern, ich will Visionen in die Tat umsetzen, ich will gestalten. Ich will und werde immer wieder den Mut haben loszugehen, auf die Nase zu fallen, wieder aufzustehen und etwas Neues zu probieren. Und das gleiche wünsche ich mir für und von meinen Kolleg*innen.
Denn ich bin überzeugt: Wir brauchen heute die Kreativen, Mutigen und Innovativen, die ihr Herz am rechten Fleck haben.
Und diese drei Dinge – Kreativität, Mut und Innovation – kann es nur geben, wenn wir Raum dafür geben und Vertrauen – uns selbst und anderen gegenüber. Dazu gehört auch das Gefühl von Sicherheit. Sicherheit, auch mal falsch liegen und einen Bock schießen zu dürfen.
Wir Führungskräfte haben es dabei in meinen Augen mit am schwersten: Wir müssen lernen Widerworte auszuhalten und anzunehmen. Es geht nicht mehr um das große Tschakka und die großen Motivationsreden, die uns kurz fünf Minuten beflügeln; und danach lassen sie uns noch tiefer fallen, weil wir merken, dass die Kluft zwischen dem und unserem „echten Leben“ viel zu groß ist. Wir sind nicht mehr die Big Bosses. Die Frage ist, ob wir das jemals sein wollten und ob das wirklich leichter war? Wir werden zu Sparringspartnern und Empowerern und nicht mehr zu denen, die es besser wissen. Wir treten in die zweite Reihe und stehen schützend hinter unserer Mannschaft, die mutig und stolz ihren Weg geht. Eine Vertrauensbasis zu schaffen ist unsere aller größte Aufgabe, damit „unsere Leute“ vorangehen und nicht mehr „nur“ hinterherlaufen.
3. Digitalisierung ist Schnee von gestern
Alles ist austauschbar – außer der Mensch, genau der, der Digitalisierung und Industrialisierung gestaltet hat. Der neueste Onlineshop, die schnellste Produktionskette, der günstigste Preis und das tollste Marketing: Morgen kommt immer einer, der es noch besser macht. Denn all das ist nachmach- und auch austauschbar. Das Einzige, was nicht nachgemacht oder einfach ausgetauscht werden kann, sind wir Menschen. Wenn wir authentisch sind und bereit sind, unseren Weg konsequent und voller Leidenschaft und Vertrauen zu gehen, werden wir unangreifbarer und stabiler als je zuvor und bekommen einen echten Wettbewerbsvorteil.
Unsere Kunden entscheiden sich längst nicht mehr für „unsere Möbel“: Sie entscheiden sich für die eine Beraterin, die sie so großartig beraten hat. Für die eine Dame am Telefon, die echtes Verständnis hatte und es sogar bei einer Reklamation schafft, dass Kunden lächelnd den Telefonhörer auflegen, oder für den einen Monteur, der lächelnd das neue Bett brachte und die Wohnung sauber verließ.
Mitarbeiter entscheiden sich nicht für das Möbelhaus Schaumann. Sie entscheiden sich für mich – Lena Schaumann ganz persönlich. Für meine Werte, das wofür ich stehe – gemeinsam mit meinem Team. Und wenn ich diese Werte selbst nicht kenne, dann brauche ich mich nicht zu wundern, wenn sich keiner für mich entscheidet oder ich ein Team habe, dem die gemeinsame Basis fehlt. „Humans are the next big thing“ – Digitalisierung gibt uns die Freiheit, uns endlich mit dem wichtigsten Thema überhaupt zu beschäftigen: Uns und der Welt, in der wir leben wollen. Lasst uns die Menschen in den Mittelpunkt stellen und wir werden überrascht sein, wie alles andere – auch Digitalisierung – plötzlich von ganz allein passiert.