Wie digital wollen wir wohnen?

27.10.2020 11:19

Olaf Schindler

Wie digital wollen wir wohnen?

Drei Experten zum vernetzten Wohnen (Teil I)

Im soeben erschienenen INSIDE Spezial Zuliefererindustrie haben wir uns „Die Welt des vernetzten Wohnens heute und im Jahr 2030“ einmal näher angeschaut. Drei Gastbeiträge gehören zum Themenschwerpunkt. Mit dabei: Vreeda-Gründer Olaf Schindler, Gigaaa-Germany-Gründer Dragan Stevanovic und Christof Flötotto, Kreativdirektor Connect bei der Kölnmesse. Wir werden unsere Experten fürs smarte Wohnen der Zukunft in den nächsten Tagen auch an dieser Stelle zur Wort kommen lassen.

 

Den Anfang macht Olaf Schindler, 42. Schindler ist seit mehr als zehn Jahren auf dem Feld des vernetzten Wohnens unterwegs. Datengesteuerte Innovation ist Schindlers Kernthema. Seit dem Jahr 2006 war Schindler, Diplom-Ingenieur und -Wirtschaftsingenieur, für den RWE-Konzern in verantwortlichen Positionen im In- und Ausland tätig, unter anderem als Asset-Manager für erneuerbare Energien bei der RWE-Abspaltung Innogy SE. Aus dem ehemals proprietären Hardwaregeschäft von Innogy Smart Home hat Schindler ein Cross-Industry-Plattformgeschäft entwickelt und 2019 als Livisi GmbH ausgegründet. Seit knapp drei Monaten treibt Schindler den Gedanken eines kollaborativen und offenen IoT-Ökosystems mit zwei ehemaligen Livisi-Kollegen unter dem Dach der neuen Vreeda GmbH in Essen voran. Schindlers Kernthese: Es droht im vernetzten Wohnen gegenwärtig eine ähnliche Entwicklung wie bereits in der Ära der Smartphones. Amerikanische und asiatische Anbieter machen Geräte europäischer Hersteller günstig smart, europäische Hersteller verlieren dadurch aber den direkten Kundenzugang in einem der zentralen Zukunftsmärkte. Genau hier setzt die Vreeda-Idee an.

 

Wie digital wollen wir wohnen?

 

Von wem wollen wir abhängig sein? Eine Annäherung an unser Leben im Smart Home und Smart Office der Zukunft.

 

Von Olaf Schindler

 

Digitalisierung! Es gibt gegenwärtig wahrscheinlich keinen Begriff, der häufiger verwendet wird. Corona vielleicht. Aber versuchen wir hier mal nicht über Corona zu sprechen, was aktuell schwerfällt. 

 

Sprechen wir über Digitalisierung. Was genau ist eigentlich mit dem Begriff der Digitalisierung gemeint? Leider fehlt in vielen Artikeln eine kontextbezogene Definition. Allzu häufig liest man von Auswirkungen „der Digitalisierung“ auf die Wirtschaft und das gesellschaftliche Miteinander – und zumeist enden die Beiträge mit einer gnadenlosen Abrechnung mit den Bemühungen in diesem Land in Sachen Digitalisierung. Digitalisierung in Deutschland? Man ist dann schnell bei löchrigen Handynetzen und schwacher Netz-Infrastruktur. Oder bei den Schulen. Dementsprechend sehen Experten häufig dunkle Wolken heraufziehen. Und das völlig unabhängig, ob es in dem konkreten Beitrag um die Automobilindustrie, um die Bildungspolitik oder irgendeinen anderen Bereich geht. Digitalisierung in Deutschland? Es wird einem schnell regelrecht angst und bange, wenn man an die Zukunft denkt. 

 

Spätestens seit Ausbruch der Corona-Pandemie rücken nun auch die Themen des smarten Wohnens und des smarten Arbeitens in den Mittelpunkt der Diskussion. Die Menschen hocken im Home-Office, sie müssen in ihrem Alltag oft auf engem Raum sehr viele Dinge gleichzeitig tun. Arbeiten und Wäsche waschen zum Beispiel. Arbeiten und kochen. Telefonieren und die Kinder betreuen. Im ersten Stock das Licht ausmachen und gleichzeitig im Erdgeschoss den Videocall starten. Anstrengende neue Multitasking-Welt. Corona könnte das smarte Wohnen und Arbeiten auf eine neue Stufe heben, Dynamik reinbringen. Das Thema ist heiß in diesen seltsamen Zeiten.

 

Aber fangen wir mal vorne an. Zunächst gibt es ganz offensichtliche Auswirkungen der vielen verschiedenen und weiter anwachsenden Anwendungen digitaler Technologien auf die ganze Einrichtungsbranche. Die zunehmende Verlagerung vom reinen stationären Offlinehandel hin zu einem Multi-Channel-Vertrieb ist weit entwickelt. Das ist bereits aus vielen anderen Branchen bekannt. Auch ist offensichtlich die Präsentation der Marken und ihrer Produkte über einschlägige Social-Media-Kanäle und/oder über Influencer sowie das dringend notwendige Schaffen ganzer 360-Grad-Erlebnisräume bei den Strategen im Markt angekommen.

 

Zunehmend werden genau hier neue Technologien wie Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) zum Einsatz kommen und das Erlebnis des Kunden steigern. Gerade in Zeiten fehlenden persönlichen und physischen Austausches unterstützen diese Technologien den jeweiligen Marketing- und Sales-Bereich. All diese Technologien werden noch massive (bisher ungeahnte) Veränderungen in der Branche nach sich ziehen. Es wird Gewinner und viele Verlierer geben. Und dennoch. Diese Technologien haben etwas Evolutionäres. An den Grundfesten der Wertschöpfungsstufen im Markt rütteln sie nicht – oder nur ganz langsam.

 

Geht es nur um Vernetzung?

 

Es gibt aber auch Anwendungen neuer Technologien der Digitalisierung, die vielleicht weniger offensichtlich, dafür deutlich disruptiver sind. Unter dem ziemlich abgenutzten Begriff des Smart Homes verbirgt sich möglicherweise eine solche Disruption. Als Unternehmer, der sich seit mehr als zehn Jahren mit der Welt des vernetzten Wohnens beschäftigt, sage ich natürlich: Das ist nicht womöglich, das ist die disruptive Veränderung schlechthin, die uns im wahrsten Sinne des Wortes ins Haus steht. Das Problem ist nur: Viele sehen die Kraft und Macht dieser Veränderung nicht mehr, weil das Thema Smart Home in den vergangenen Jahren nicht wirklich unser aller Leben im Alltag umgekrempelt hat. Die Frage nach dem Mehrwert für den Kunden steht im Raum. Doch ist das wirklich die entscheidende Frage? Sie simuliert: Wir hätten die freie Wahl, ob wir smart leben wollen – oder nicht. Haben wir die wirklich?

 

Zunächst erscheint auch die Welt des Smart Homes lediglich als eine weitere, eher evolutionäre Weiterentwicklung, da hier lediglich ehemals nicht vernetzte Gegenstände nun auch fernsteuerbar, zum Beispiel über eine App, angesprochen werden können. Ein Grund, weshalb sich die Vernetzung in unseren eigenen vier Wänden eher in unser Bewusstsein schleicht und nicht mit dem Angst machenden Vorschlaghammer daherkommt, ist die Tatsache, dass es nicht die eine Killer-App gibt. Die zunehmende Vernetzung kommt also ohne den großen Knall, das eine fiese und schlimme Aua, daher. Es kommt schleichend durch die Hintertüre. Bisschen wie ein Gespenst in Kinderträumen. Plötzlich steht es mitten im Haus. Das Problem ist nur, dieses Gespenst verschwindet nicht, wenn man aufwacht.

 

Die Spielregeln werden nicht von heute auf morgen auf den Kopf gestellt. Nein, wir schauen dabei zu: mal aufmerksamer, mal nur nebenbei. Und oft schauen wir gar nicht hin. Keine Zeit. Keine Lust. Oder: Einfach nur nicht wichtig für den Einzelnen bei oberflächlicher Betrachtung. Das liegt auch daran, dass sich die Sinnhaftigkeit vieler vernetzter Geräte zunächst oft gar nicht erschließt für den Nutzer. Nehmen wir mal den oft zitierten automatisch nachbestellenden Kühlschrank. Er erscheint als das, was er ist: eine technische Spielerei, die so niemand braucht. Auf der anderen Seite wächst seit Jahren die Anzahl vernetzter Haushalte kontinuierlich. Der nachbestellende Kühlschrank ist dabei nicht das Thema. Häufig ist dem Kunden gar nicht bewusst, dass er auch mit einer smarten Leuchte oder einem smarten Zwischenstecker bereits den Grundstein für sein eigenes Smart Home legt. Denn alle diese Geräte ermöglichen nicht nur eine neue, superpraktische Fernsteuerung von der Couch oder unterwegs aus. Nein, sie senden auch permanent Daten. Und diese Daten, bei wem auch immer sie landen und liegen, lassen Rückschlüsse auf das jeweilige Kundenverhalten und die innersten Befindlichkeiten des Kunden höchstselbst zu.

 

Wie ein Puzzle: Stein um Stein – Information um Information

 

Je mehr vernetzte Geräte ein Mensch benutzt, umso besser wird auch das datenbasierte Abbild von ihm sein. Kenne ich als Hersteller intelligenter Rasenmäher lediglich das Nutzerverhalten, wenn der Rasenmäher-Besitzer eben seinen Rasen mäht, habe ich bestimmt kein ganzheitliches Profil von ihm. Das ändert sich sehr schnell, wenn der Rasenmäher-Besitzer smarte Geräte und damit Informationen über andere Lebensbereiche preisgibt. Der Datensammler kann nach und nach ein zauberhaftes Puzzle zusammenbauen und damit arbeiten.

 

Darüber hinaus werden auch die Services deutlich interessanter und damit margenstärker, wenn verschiedene Geräte miteinander in Verbindung treten. Blicken wir aufs Energiesparen: Ein ganzheitliches Energiemanagement erfordert neben der Algorithmik auch den Zugriff auf viele Geräte wie smarte Thermostate, Zwischenstecker und vieles mehr. Führt man sich das vor Augen, wird einem ansatzweise das dahinterliegende Potenzial, aber auch die Bedrohungslage für so viele Branchen bewusst. Denn derjenige, der das Betriebssystem des Hauses in seiner Hand hat, blickt ohne Vorhang auf die Intimsphäre des dort lebenden Menschen. Er hat in Echtzeit Zugriff auf seine Bedürfnisse, Wünsche und manchmal auch Sehnsüchte. Und zwar als Einziger, da die Endkundeninteraktion lediglich auf dieser übergeordneten Ebene stattfindet.

 

Das Betriebssystem des Hauses

 

Genau hier liegt die Krux. Während viele Einzelanwendungen schwer nachzuvollziehen sind, befördert die zunehmende Vernetzung langsam einen ganzheitlichen Blick. Hersteller im Einrichtungsmarkt müssen hier aufpassen, dass sie nicht endgültig vom Endkunden abgeschnitten sind. Sowohl aus Endkunden- als auch aus Herstellersicht ist die Besetzung der übergeordneten Schnittstelle existenziell. Man muss nicht immer nur an die liebe Alexa denken. Und doch: Will ich als Küchenhersteller wirklich, dass mein Kunde nicht meine Küche direkt bedient, sondern zum Beispiel Alexa sagt, was die Küche zu tun hat?

 

Wer hat denn wirklich Ambitionen, das Betriebssystem zu besetzen? Welche Auswirkungen hat das wirklich auf die dahinterstehenden Hersteller? Und was kann man dagegen unternehmen, sollte man das wirklich wollen? Hier kommen nun verschiedene Ansätze ins Spiel. Auf der einen Seite gibt es Bestrebungen der dominanten Plattformbetreiber, sich zwischen den Endkunden und die vielen vernetzten Geräte zu drängeln. Geschieht beispielsweise über Sprachsteuerungen wie besagte Alexa und Google Home.

 

Dieser Pull-Ansatz entfaltet seine volle Kraft über den Druck der Endkunden. Weniger offensichtlich, aber ähnlich wirksam, funktioniert die schleichende Übernahme des Betriebssystems über die sogenannte Push-Strategie. Hier wird die Not vieler Hersteller ausgenutzt, denn viele Hersteller können selbst in Fragen des vernetzten Wohnens keine eigenen adäquaten Antworten liefern. Oft springen dann gerne Komponentenhersteller aus Asien ein und liefern die Geräte komplett smart – inklusive Chip, Cloud-Integration und App. Hier manifestiert sich dann endgültig die ohnehin hohe Abhängigkeit vieler Hersteller von asiatischen Fabrikanten. Ob Push- oder Pull-Strategie: Ziel ist es, möglichst viele Endkunden mit vielen verschiedenen Geräten vernetzt auf der eigenen Cloud zu bündeln.

 

Erreichen diese Plattformen richtige Skalierung, so kaufen sie sich zunächst auf der Angebotsseite volle Transparenz ein. Sie wissen, welche Produkte von welchem Hersteller in welchen Haushalten von wem wie genutzt werden. Der Hersteller selbst hat darüber jedoch keinen Überblick mehr. Darüber hinaus sehen diese Plattformbetreiber, welche vernetzten Geräte über Services mit anderen Geräten sachlogisch verbunden werden. Die Plattform erhält also den 360-Grad-Überblick über die Kunden – hersteller- und geräteübergreifend. Genau diese Transparenz sorgt dafür, übergreifende Services aus einer Hand anbieten zu können. Eine nahezu grenzenlose Kundenloyalität könnte die Folge sein. Die eigentlichen Hersteller der Geräte jedoch, sie sind entkoppelt und degradiert, funktionieren als einzelne Rädchen im großen Getriebe. Mit dem großen Ganzen haben sie nichts mehr zu tun. Sie werden austauschbar und sind schnell keine Gefahr mehr für den Plattformbetreiber. Der Kunde interagiert ja nur noch über die Plattformbetreiber mit den Geräten, die unabhängig von der Marke und ihrem Preis auf die gleiche Art und Weise angesprochen werden: „Hey Alexa!“ Jeglicher Markenaufbau wird hier konterkariert. Das ist lediglich die Ebene der wirtschaftlichen Implikation.

 

Und jetzt? Als Reaktion auf dieses Szenario die Datenökonomie komplett zu verteufeln, würde uns in Europa weiter zurückfallen lassen. Sagen wir es mal volkswirtschaftlich: Die zu hebende Wertschöpfung entlang der Lebenswelten der Menschen ist enorm. Es würde in meinen Augen aber durchaus Sinn machen, wenn das Wertesystem des Plattformbetreibers zum Wertesystem der Menschen passt. Konkret: Was Datenschutz angeht, haben wir in Europa oftmals ein anderes Verständnis als Menschen in Asien oder Amerika. Wäre es also nicht auch schön, ein Betriebssystem fürs Haus zu bauen, das zu den Menschen in Europa passt? Und damitauch viel besser zu europäischen Herstellern.

 

Das ist meine Vision: Wir brauchen ein europäisch kontrolliertes, offenes System, wenn wir die Welt des vernetzten Wohnens aktiv in unserem Sinne gestalten wollen. Um ein solches Betriebssystem erfolgreich zu platzieren, braucht es den Willen vieler. Und es braucht die Kunden. Spätestens wenn einem klar wird, dass eine dominante Plattform die Angebotsvielfalt verringert und einen gleichzeitig zum gläsernen Menschen macht, dann wird man das nicht wollen. Dann ist Smart Home nicht die Zukunft. Dann ist Smart Home tot, bevor es richtig eingezogen ist bei uns zu Hause.

 

Hier geht es zum Teil II der Serie.

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