INSIDE zur Lage

16.03.2020 15:56

INSIDE zur Lage

Corona und die Möbelbranche (3)

„Keine Prognose wäre richtig. Eine solche Situation hatten wir noch nie“, sagte heute Mittag der Deutschland-Geschäftsführer eines großen Hausgeräteherstellers im INSIDE-Gespräch zur aktuellen Lage. Man hat es in den vergangenen Tagen öfter gelesen: Die Situation ändert sich momentan so schnell, dass die Einschätzungen sich quasi täglich selbst überholen.

 

Vor Augen führen kann man sich das, wenn man daran zurückdenkt, dass wir Anfang Februar glaubten, die Probleme wären auf die Beschaffung von Zulieferprodukten aus Asien beschränkt. Dass wir Ende Februar über die eventuelle Absage der Mailänder Messe spekulierten und glaubten, „kleinere“ Veranstaltungen mit ein paar Hundert bis Tausend Teilnehmern wären möglicherweise nicht betroffen. Dass wir noch vor ein paar Tagen über Schwierigkeiten in der Logistik mit Italien nachgedacht haben oder ob wir Geschäftsreisen absagen müssen oder nicht.

 

Seit heute sind auch die deutschen Grenzen teilweise dicht, Baden-Württemberg stoppt den Flugverkehr, in allen deutschen Bundesländern werden Schulen und Kindergärten aufgrund der Ansteckungsgefahr durch das neuartige Coronavirus geschlossen und Eltern hocken mitsamt ihren Kindern im Home Office.

 

Bei uns in Bayern, wo Restriktionen in den vergangenen Tagen am schnellsten umgesetzt wurden, bleiben ab Mittwoch (unter anderem) die Möbelgeschäfte zu. Baumärkte und Onlinehandel sind von der Regelung nicht betroffen. In Nordrhein-Westfalen ist der Zutritt zu Einrichtungshäusern und Einkaufszentren, Shopping-Malls und Factory-Outlets nur noch zur Deckung des dringenden Bedarfs unter strengen Auflagen erlaubt, laut der Staatskanzlei NRW nicht zuletzt auch um zu vermeiden, dass sich Schüler in größeren Gruppen hier versammeln. Es wäre erstaunlich, wenn andere Bundesländer nicht folgten, entsprechende Empfehlungen soll die Bundesregierung aktuell vorbereiten, berichtet die DPA. In einigen Exportmärkten wie Italien, Frankreich und Österreich musste der Möbelhandel ebenfalls zusperren.

 

Nach der Frage nach der Beschaffung tritt nun für die Industrie die Frage in den Vordergrund, ob die gefertigte Ware überhaupt ausgeliefert werden kann oder angenommen wird. Bei kommissionsweiser Fertigung mit exakt durchgeplanter Auslieferung, stellt das die Prozesse mächtig auf die Probe.

 

Die nächste Frage wird sein, wie oder wie lange noch die Produktion angesichts der zunehmenden Zahl von Erkrankten aufrechterhalten werden kann und wie sich Produktionsausfälle auf die Liquidität auswirken. Der durch die Schließungen im Einzelhandel zu erwartende Auftragseinbruch würde sich regulär in der Kapazitätsauslastung erst in ein paar Wochen niederschlagen. Ob Kunden aus dem Handel überhaupt zahlungsfähig bleiben, wenn die Geschäfte zu sind?

 

In der Geräteindustrie - das dürfte in der Küchen- und Möbelbranche eher die Ausnahme sein - gab es in den vergangenen Wochen erhöhte Auftragseingänge. Die hatten vermutlich damit zu tun, dass sich Kunden aus Industrie und Handel in Erwartung von Lieferengpässen bevorratet haben. Hier steht zu erwarten, dass sich Teile des Geschäfts - zumindest bei dringendem Ersatzbedarf - auf den Online-Kanal verlagern.

 

Insgesamt steht es aber auch mit den Prognosen im E-Commerce nicht zum Besten. Laut einer Umfrage des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel (BEVH) am 12. und 13. März leiden auch die Onliner unter der Corona-Krise. 88,3 Prozent der Firmen sehen sich betroffen. Gut 50 Prozent der Unternehmen rechnen momentan mit einer temporären Schließung zumindest von einzelnen Bereichen im Jahresverlauf. Man arbeite daran, Abteilungen zu separieren, um insbesondere die Logistik nicht zu gefährden. 41 Prozent der befragten Unternehmen verzeichnen schon jetzt Nachfragerückgänge, mehr als 60 Prozent erwarten diese im Jahresverlauf. Jedes zweite E-Commerce-Unternehmen geht zudem von Umsatz- und Ergebnisminderung durch Lieferengpässe aus.

 

Dennoch: Gefragt könnten nun vermehrt alternative Geschäftsmodelle sein, denn es muss ja irgendwie weiter gehen. Ein Beispiel ist das „Virtuelle Möbelhaus“, dass die Plattform für Möbel und Ausstellungsstücke Möbelfirst geschaffen hat. Die Geschäftsführer Dennis Franken und Christoph Ritschel teilen heute mit, dass die Plattform ihre Kapazitäten erhöhe, damit der Warenverkauf für den stationären Handel weiter gehen könne und der Liquiditätszufluss gewährleistet bleibe. „Mit MöbelFirst wickeln wir seit vier Jahren Millionenumsätze für stationäre Möbelhändler über das Internet ab, ohne dass diese selbst einen Online-Shop und damit verbundene Prozesse benötigen. Alle Abläufe der Logistik, Zahlungsabwicklung und Kundenservice stehen. Wir haben deshalb kurzfristig unsere Kapazitäten im Bereich des Onboardings von neuen Händlern aufgestockt. Sollte sich die Situation für kleine und mittelgroße Händler in den nächsten Tagen und Wochen massiv verändern sind wir vorbereitet, so dass mehr als 100 neue Händler bis Ende April mitmachen können. Für die Zusammenarbeit wird lediglich ein Mitarbeiter im Möbelhaus für die Bestandsaufnahme der Artikel benötigt. Die Logistik sowie die Verpackung der Ware erledigt MöbelFirst“.

 

Auch das Küchen-Start-up Küchenheld sieht sich mit digitaler Beratung oder Einzelkunden-Terminen in den Showrooms gut aufgestellt und postet Fotos von einem Sales-Meeting via Skype.

 

Die positiven Nachrichten aus der Branche, man muss sie aktuell mit der Lupe suchen. Eine davon könnte sein, dass sich die Lage in China angeblich allmählich wieder normalisiert. So meldet der italienische Polsterer Natuzzi - der in seiner Heimat aktuell schwer unter Stress steht, dass sein Werk in China inzwischen fast wieder auf Normalniveau laufe.

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