Colani und die Möbelmafia

06.11.2019 11:16

Luigi Colani

Colani und die Möbelmafia

Erinnerungen an den wildesten INSIDE-Mitarbeiter ever

Man schrieb das Jahr 1962, als ein rostiger Käfer an der Shell-Tankstelle an einem Motel an der Bielefelder Straße in Rheda-Wiedenbrück schlapp machte. Mangels Platz quartierte man den schnauzbärtigen Berliner Fahrer auf dem Bauernhof der Familie Druffel ein, erinnert sich Hans Schalück. Und die Druffels waren´s auch, die Lutz „Luigi“ Colani die Tore zur lokalen Möbelindustrie öffneten, dem Beginn einer aufregenden Phase im deutschen Möbeldesign, in der die gesamte „Möbelmafia“ (O-Ton Colani) ihm zu Füßen lag.

 

Da waren vor allem die Lübkes. Für Cor entwarf der selbsternannte Designer u.a. die Polstergruppe Orbis, spannende Essgruppen, für Burkhard Lübkes Kinderlübke in Isselhorst den großen und kleinen Zocker aus geblasenem Kunststoff. Interlübke bot ihm sogar den Posten als Chef­architekt an, für Flötotto gab‘s den berühmten Kinderschreibtisch, für die Herforder Sulo-Gruppe das bequemste Kinder-Pöttchen schlechthin.

 

Dank des tollen Riechers von Dieter „Didi“ Kusch entstand die aufregende Liege TV-relax, die Kusch erst ab 2005 fertigen konnte, während seine Idee eines einbeinigen Reihenstuhls aus tiefgezogenem Blech nie realisiert wurde. Für Rosen­thal gab‘s eine Sitzlandschaft im wahrsten Sinne des Wortes, für Poggenpohl natürlich die Kugelküche unter der Beteiligung aller lokalen Beschlagfritzen – von Hettich bis Kesseböhmer. Für die Palmberg-Brothers den Sekretärinnen-Liegesessel, natürlich inklusive der geschwungenen Schreib-Tastatur, für Fritz Hansen eine Polstergruppe mit markantem V-Element. Mit Iiro Santalahti wurde für Asko Oy gesponnen, für Staff hat sich Colani Deckenleuchten ausgedacht, für den „ollen“ Siekmann (O-Ton Colani – damit war mit aller Hochachtung vor dem Gentleman aus Löhne Oskar Siekmann gemeint) zeichnete Colani Siematic-Küchen, deren Blech-Wangen von Karmann gefertigt werden sollten, da in Osnabrück gerade Auftragsflaute war. Später kamen für Familie Huntebrinkers Habemat zwei Versionen einer Einbauküche dazu. Über Colanis Küchenentwürfe von Poggenpohl bis Habemat schrieb der Küchenplaner im Februar 1992: „Die einheitliche Arbeitsplattenhöhe ist ergonomische Steinzeit, die Hängeschränke mit Lifttüren können nur Frauen mit Gardemaß bedienen.“ Colani polarisierte, wie man heute sagt. Aber Colani hatte oft Recht – und war meist viel zu früh dran.

 

Luigi Colani war Hofnarr, Großmaul, Lautsprecher, Provokateur, Zwangstäter, Visionär, Scharlatan, Enfant terrible, Macho, ­Frauenheld – oder einfach nur: eine coole Sau. Tatsächlich war ­Luigi Colani in erster Linie ein hochbegnadeter Bildhauer und Zeichner, der hunderten jungen Design-Studenten die Chance gab, sich bei ihm auf das reale Berufsleben vorzubereiten. Denn die wichtigen Schritte, von der Idee zur Zeichnung, das 3D-Modell, die Kunden-Verhandlungen plus das Produkt-Marketing waren die drögen Hochschulen nicht in der Lage zu vermitteln. Natürlich tickte Colani jedes Mal durch, wenn eine Kamera lief – aber das überlassen wir mal der Psychoanalyse. Im Grunde war er ein zuvorkommender Charmeur, jederzeit bereit, egal wem, seine Gedanken zu vermitteln. Allein diesem Umstand ist es zu verdanken, dass der Begriff Design für jeden Bundesbürger geläufig wurde. Legendär waren seine Auftritte in dem Saal einer Gütersloher Gaststätte, die mindestens so viel Möbelprominenz anzogen wie heute ein MHK-Abend.

 

Man darf nicht vergessen: Der Möbelbranche ging es Ende der 60er hervorragend, sodass die Unternehmer auch bei neuen Ideen zuhörten. Kunststoffe galten als neues, vielversprechendes Material. Jungen Designern, ob Peter Maly, Gerd Lange, Wolfgang Müller-Deisig, um nur einige zu nennen, standen die Möbelbuden offen. Und heute? Tja, da geilt man sich gerade noch an Synchronpore und Lacklaminat auf.

 

Mit der Begründung „die Branche versauert und versumpft weiter in ihrer Mittel­mäßigkeit“ zog Colani, diesmal mit einem Bizzarrini GT, Anfang der 70er von Rheda ins Schloss Harkotten bei Füchtorf weiter, da er „die Nase von der Möbelmafia voll“ hatte, wie er sagte. Fakt war aber, dass damit die intensivste Phase des Allround-Designers begann und er auch als freier Mitarbeiter von INSIDE der Branche treu blieb.

 

„Colani hin, Colani her“, war im Mai 1973 in der Zeitschrift Nutzfahrzeug zu lesen. Und zitiert wurde Anton Hodel, der Konstruktionschef des LKW-Herstellers Saurer aus der Schweiz: „Colani ist ein hochbegabter Mann. Er hält sich nicht an heutige Normen, und offenbar verwendet er Antriebs­aggregate, die noch nicht existent sind – Gott sei Dank tut er das! Denn laut Colani wird die Zukunft die Ära der Elektrizität und das Elektromobil das Fahrzeug von morgen sein.“

 

„Ende der Durchsage“ (O-Ton Colani).

 

Luigi Colani, 1928 in Berlin geboren, ist am 16. September im stolzen Alter von 91 Jahren in Karlsruhe gestorben.

 

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