„Nie stehenbleiben“

01.02.2021 12:59

„Nie stehenbleiben“

Möbel Frey: Corona als „1000-Watt-Beschleuniger zur Digitalisierung“

Helmut Hagner, Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Frey mit drei Interliving-Möbelstandorten und vier Innenstadt-Modehäusern, mag sich am Abgesang auf den innerstädtischen Handel nicht beteiligen. In Cham in der Oberpfalz haben sie bereits vor Jahren angefangen gegenzusteuern. Der Möbelbereich stand bei Frey wie die gesamte Branche im letzten Jahr ganz unerwartet auf der Sonnenseite. Im Modesegment hat Frey aber auch die Schatten gesehen, die die Pandemie auf den stationären Einzelhandel warf. Für das INSIDE Spezial Neue Ideen haben wir im letzten Dezember - noch vor Beginn des aktuellen Lockdowns - mit Helmut Hagner gesprochen. Klar, dass man Lage damals noch deutlich optimistischer einschätzen konnte. Grundsätzliche sind Hagners Thesen aber noch immer aktuell.

 

„Die reinste Form des Wahnsinns ist, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert“. Dieses Albert-Einstein-Zitat auf der Webseite der Unternehmensgruppe zeigt, welche Richtung man bei Frey eingeschlagen hat. Klar: Die Öffnungsverbote haben auch die Frey-Modehäuser in Cham, Marktredwitz, Schwandorf und Bad Kötzing getroffen, ebenso die fehlenden Anlässe, zu denen Menschen sich neu einkleiden. Ohne Trachtenfest wird kein neues Dirndl gebraucht, ohne Hochzeitsfeier kein Smoking, ohne Geschäftsreise kein Kostüm. Feste und Termine werden hoffentlich wiederkommen und auch Dirndl, Smoking oder Kostüm wieder gekauft werden. Die Frage ist nur: Bei wem?

 

Im Modehandel, sagt Helmut Hagner, ist nicht Corona das ursächliche Problem. Vielmehr sieht er die Pandemie als einen „1000-Watt-Beschleuniger zur Digitalisierung“. Bei Frey stand das Fundament bereits vor dem ersten Lockdown, was die Einbußen im Modebereich zumindest abgemildert hat. Mode- und Einrichtungshäuser von Frey sind on- und offline präsent und erreichbar, auch über die Internetseite, per Videochat, WhatsApp und die sozialen Medien. Die Gruppe hat einen gut sortierten, übersichtlichen Onlineshop mit allen Produktkategorien vom Sportartikel bis zum Sofa, der auch an Marktplätze angebunden ist. „Digitales Schaufenster“, sagt man in Cham dazu. Schließlich gehe es nicht vor allem um den Online-Umsatz, sondern darum, das Angebot zu zeigen. Auch Click-and-Collect ist möglich. Hagner: „Wir müssen die Sichtbarkeit herstellen. Der Kunde muss sehen können, welche Ware in den einzelnen Häusern verfügbar ist.“ Das digitale Schaufenster braucht es auch, damit das digitale Marketing nicht ins Leere läuft. 90.000 Kundenkarteninhaber und 25.000 Newsletter-Empfänger haben sie bei Frey.

 

„Wenn wir es nicht schaffen, Mehrwert zu bringen, ist Amazon immer einfach der schnellere.“

 

Um Kunden kämpfen musste Frey schon immer, sagt Hagner. Darum hat man sich auch nie zurückgelehnt. „Ich glaube an den stationären Handel. Sowohl Mode- als auch Einrichtungshandel müssen sich aber an die eigene Nase fassen und ihre Hausaufgaben erledigen. Jeder muss sich selbstkritisch die Frage stellen: Mit welcher Berechtigung soll es uns auch in der Zukunft noch geben? Wo ist unser Mehrwert? Wenn wir es nicht schaffen, Mehrwert zu bringen, ist Amazon immer einfach der schnellere.“

 

Frey bietet zum Beispiel Curated Shopping an - nach Beantwortung verschiedener Fragen zu Größen, Anlass, Stil, Farben- und Markenvorlieben, Preisgrenze und eventuell telefonischer Rücksprache bekommt man eine ein komplettes Outfit zugesandt. Wenn nicht gerade Lockdown ist, kann man sich auch kostenlos nach Terminvereinbarung persönlich beraten lassen. Insgesamt neun Lounges fürs Personal Shopping hat Frey eingerichtet. Auf Basis eines telefonischen Vorgesprächs hat der Verkäufer Ware bereits parat, die dann in Wohlfühlatmosphäre inklusive Beratung anprobiert werden kann. Mode Frey definiert sich nicht als Kaufhaus, sondern als „Modeerlebnishaus“. Dazu gehört am Standort Cham auch ein Restaurant.

 

Aufgrund der Standbeine in verschiedenen Branchen ist Frey Mitglied in fünf (!) Einkaufsverbänden: VME, EK Bielefeld, Katag (Fashion), ANWR (Schuhe) und Intersport. Das weitet den Blick. In allen diesen Branchen versucht man, eine Lösung für die Zukunft zu finden. Hagner: „Der Möbelhandel hat einiges nachzuholen. Aber auch der Einzelhandel an sich performt wirklich schlecht. Bei manchen Händlern frage ich mich: Wieso sollte jemand dort hingehen?“ Mit der Einschätzung „Es läuft ja“ ist man nicht zukunftsfähig, sagt er. Ebenso wenig bringe es etwas, zusätzlich zu einem schlecht laufenden stationären Geschäft einen Onlineshop aufzubauen. „Dann hat man ein schlechtes stationäres Geschäftsmodell online verlängert.“

 

Wenn Lutz an der Fassade stehen hat ‚Wir unterbieten jeden Preis um 10 Prozent‘ muss der Kunde trotzdem bei Frey kaufen wollen. Weil es ihm das wert ist.“

 

Bei Frey soll der Kunde sich wohlfühlen. Dazu gehört dann bei Frey auch die Raumgestaltung (die Domäne der geschäftsführenden Gesellschafterin Caroline Frey) - nicht nur in der Möbelausstellung, sondern beispielsweise auch an den Arbeitsplätzen der Küchenverkäufer. Zur Wohlfühlatmosphäre gehört natürlich auch gute Beratung. „Wir brauchen außerordentlich gute Leute, und als nach vorn gewandtes Unternehmen haben wir die bislang immer bekommen“, sagt Hagner. 550 Leute arbeiten inzwischen für die Unternehmensgruppe.

 

Um Kunden für sich zu gewinnen, helfe es oftmals schon, zuzuhören und freundlich zu sein. „Emotional abholen“, nennt er das. „Wenn Lutz an der Fassade stehen hat ‚Wir unterbieten jeden Preis um 10 Prozent‘ muss der Kunde trotzdem bei Frey kaufen wollen. Weil es ihm das wert ist. Es klingt zwar banal, aber wenn man sich um die Kunden kümmert und sie in den Fokus nimmt, nehmen sie das dankbar an.“

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